Wahrheitssuche und Versöhnung

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aus Friedensdienst, Nr 2/01, juli 2001
Wenn Misshandlungen, Krieg und Unterdrückung Teil der Vergangenheit eines Landes sind, wird der angemessene Umgang mit dem Geschehenen zu einem ebenso schwierigen wie wichtigen Thema - in Ex-Jugoslawien, Österreich, Chile und anderswo. Dass die Lösung nicht Verdrängung heißen kann, wie wichtig Entschädigungen sind und welche Aufgaben den einzelnen Teilen der Gesellschaft in diesem langwierigen Prozess zukommen, wird im folgenden Leitartikel aufgezeigt. Die chilenische Menschenrechtsaktivistin Roberta Bacic geht dabei auch näher auf die Chancen und Grenzen von Wahrheits- und Versöhnungskommisionen ein. Diese werden ja mittlerweile auch am Balkan als Modell der Vergangenheitsbewältigung in Erwägung gezogen.

Wahrheitssuche und Versöhnung

Von Roberta Bacic, London

Wenn wir vom Umgang mit der Vergangenheit sprechen, müssen wir uns zunächst darauf verständigen, was wir darunter verstehen. Meine Arbeit mit Angehörigen von Opfern politischer Repressionen und meine eigene Erfahrung damit brachten mich zu folgendem Schluss: Sich mit der Vergangenheit zu befassen bedeutet, „leben zu lernen, fertig zu werden und zu kämpfen" mit unserer eigenen persönlichen und sozialen Lebensgeschichte, die gekennzeichnet ist von Erlebnissen der Unterdrückung, welche wir uns weder ausgesucht, noch gewünscht, geschweige denn provoziert haben. Obendrein wurden uns diese von anderen Menschen auferlegt, und dies zumeist vorsätzlich und wohlüberlegt.

Diese Gegenwart wird von der Vergangenheit determiniert und hat eine direkte Einwirkung auf die Zukunft, nicht nur bezüglich zukünftiger Geschehnisse, sondern auch hinsichtlich der Art und Weise, wie wir der Vergangenheit Sinn und Bedeutung verleihen und in der Gegenwart damit umgehen, um eine Verbindung mit der Zukunft herzustellen.

Die Vergangenheit aufdecken

Als sich die Diktatur in Chile (meinem Heimatland) dem Übergang zu einer Demokratie näherte, war eine der wichtigsten Aufgaben beim Umgang mit der Vergangenheit damit verbunden, die Vergangenheit aufzudecken. Wir müssen allerdings zugeben, dass es auch viele gab, denen das unangenehm war. Sie wollten in einem gewissen Sinne die Vergangenheit vergessen und sich auf eine neue Zukunft konzentrieren. Aber wir können nicht mehr an den Start zurück; es ist unmöglich, die Vergangenheit zu ignorieren, denn was wir durchlebt haben, macht uns zu denen, die wir sind und bestimmt unsere Identität. Hier sind einige grundlegenden Prinzipien von Relevanz, von denen manche allgemeingültig geworden sind:

  • Die Wahrheit über Missbräuche muss bekannt werden.
  • All die verschiedenen Stimmen, die diese Missbräuche betreffen, müssen gehört werden.
  • Es gibt eine Notwendigkeit der Heilung auf persönlichem und sozialem Niveau.
  • Es gibt ein großes Bedürfnis danach, dass die Missbräuche zugegeben werden; es muss eine öffentliche und generelle Anerkennung dessen geben, was geschehen ist, um sein Verleugnen zu überwinden.
  • Entschädigungen für Opfer sind bei der Konfrontation mit der Vergangenheit von großer Bedeutung, selbst wenn sie in vielen Fällen umstritten sind.
  • Bezüglich des Themas der Gerechtigkeit stellt sich die Frage der Strafverfolgung und Bestrafung. Meiner Erfahrung nach ist Gerechtigkeit für viele von uns die einzig angemessene Form der Anerkennung der Vergangenheit, und der einzige Weg sie zu erreichen führt über die Individualisierung von Verantwortlichkeiten; wir können Menschen nicht kollektiv für schuldig halten.

Im Zusammenhang mit SerbInnen und KroatInnen schrieb Michael Ignatieff in seinem Buch über Nationalismus: „Serben und Kroaten haben niemals den Prozess der Beendigung der Vergangenheit eingeleitet. Stattdessen leben sie die Vergangenheit immer und immer wieder."

Es gibt drei entscheidende Gründe für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit:

  • Erstens müssen wir als zivilisierte Gesellschaft den Wert und die Würde jener anerkennen, die zu Opfern gemacht wurden. Wenn wir uns nicht vergegenwärtigen, was ihnen angetan wurde, argumentieren wir in gewisser Weise, dass diese Menschen nicht zählen, dass nur die Zukunft wichtig ist.

So perpetuieren wir ihr Opferdasein, was weder dabei hilft, die Vergangenheit zu bewältigen, noch dabei, Teil einer Gegenwart zu sein, die sich auf die Zukunft hin ausrichtet. Auf dem selben Niveau müssen sich die ÜbeltäterInnen ihrer Taten bewusst werden und die Verantwortung dafür übernehmen.

  • Der zweite Grund ist verbunden mit der Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit. Es ist von essentieller und entscheidender Bedeutung, klarzustellen, dass jedeR dem Gesetz unterliegt.

Der soziale Rang und Status jener, die andere zu Opfern gemacht haben, darf sie nicht vor den Bemühungen der Gesellschaft, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, immunisieren.

  • Der dritte Grund hat mit der Abschreckung zukünftiger Missbräuche zu tun. Obwohl wir die Wiederholung der Missbräuche nicht prognostizieren können, können wir versuchen zu verstehen, was geschehen ist und der Vergangenheit ins Auge zu sehen. Dabei sollten wir uns bemühen, einen Umgang zu vermeiden, der ein neuerliches Begehen solcher Taten möglich macht.

Die Mühen des Übergangs

Meistens geschieht eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu Zeiten des Übergangs von einem Krieg oder einer Diktatur zu einer Nachkriegssituation oder einer beginnenden Demokratie. Sehr selten gibt es sozusagen eineN „SiegerIn", und in diesem Kontext wird der Umgang mit den vergangenen Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen sowohl zu einer ethischen, als auch zu einer politischen Aufgabe. Dies bewahrheitet sich nicht nur für PolitikerInnen, sondern auch für MenschenrechtsaktivistInnen. Man wird damit in der wirklichen Gesellschaft umgehen müssen, wie wir sie vorfinden, nicht in jener aus der Vergangenheit, nicht in der, von der wir träumen und auch nicht in der, die unter den gegebenen Umständen möglich wäre.

In jeder Übergangsphase hat man es mit einer Situation zu tun, in der Dillemata erzeugt werden, wenn man ethischen Anforderungen gerecht werden will und politischen Zwängen begegnet. In Chile konnten die bestehenden Institutionen nicht mit der Thematik der Menschenrechte umgehen, und so schuf die neue Regierung eigens zu diesem Zweck eine Wahrheits- und Versöhnungskommission. Im folgenden einige wesentlichen Faktoren, die aus diesem Experiment in Erwägung zu ziehen sind:

Gedanken zum Modell der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen

  • Wahrheitskommissionen entstehen aus einem Verhandlungsprozess zwischen jenen, die an der Macht waren und verantwortlich für die Menschenrechtsverletzungen sind auf der einen Seite und der neuen Regierung, die gewöhnlich nicht sehr stark ist und den Apparat oder die Verfassung ihrer Vorgängerin beibehält auf der anderen. Es wäre naiv zu glauben, dass sie lediglich eingerichtet werden, um den Bedürfnissen der Opfer nachzukommen.
  • Von einem ethischen Standpunkt aus besteht der Zweck eines systematischen Umgangs mit dem Vermächtnis von Grausamkeiten im moralischen Wiederaufbaudarin, der moralischen Ordnung, die zusammengebrochen ist oder ernsthaft unterminiert wurde, wieder ihren Platz einzuräumen oder eine gerechte politische Ordnung aufzubauen, wo es in der historischen Erinnerung keine gab.
  • Verschiedene Maßstäbe von Wahrheit, Gerechtigkeit, Vergebung und dergleichen sind Werkzeuge, um die doppelten Ziele der Prävention und Reparation in einem Prozess des moralischen Wiederaufbaus voranzubringen.
  • Von einem ethischen Standpunkt aus heißt das Ziel moralischer Wiederaufbau, von einem politischen Standpunkt heißt der Zweck Maximierung. Maximierung bedeutet, das unter den gegebenen Umständen bestmögliche zu erreichen. Unsere Energie und Mitwirkung sind dabei von grundlegender Bedeutung.
  • Vergebung und Versöhnung sind keine bloßen Wörter. Sie können nicht gesetzlich beansprucht oder implementiert werden. Sie sind das Ergebnis eines Prozesses, der im moralischen Wiederaufbau wurzelt. Die gemeinsamen Faktoren aller Prozesse von Versöhnung in den bedeutenden religiösen Traditionen liegen darin, dass ein Unrecht gewusst wird, dass es anerkannt wird, dass Buße geleistet wird, dass der Übeltäter beschließt, es nicht mehr zu begehen, und dass Entschädigungen geleistet werden.
  • Es gibt eine Dualität zwischen den individuellen Opfern und der Nation. Beide sind wichtig. Die Opfer und ihre Angehörigen verdienen Respekt und sollten mit äußerster Rücksichtnahme konsultiert werden. Auf einem gesellschaftichen Niveau liegt der Prozess des moralischen Wiederaufbaus allerdings in den Händen der Gesellschaft, und die Opfer sollten sich dieser Einschränkung/Situation bewusst sein.
  • Keine Gesellschaft kann sich auf der Basis einer geteilten Erinnerung versöhnen. Erinnerung ist Identität; es würde in einem Identitätsverlust resultieren.
  • Ohne Wahrheit und Anerkennung ist Versöhnung nicht möglich. Entschädigungen sind in dieser Beziehung bedeutsam, weil sie eine Anerkennung der Würde des Opfers ausdrücken.
  • Führende Persönlichkeiten und Organisationen, die mit Opfern arbeiten, sollten vorsichtig sein in Bezug auf das, was sie anbieten und wie weit sie gehen, denn es muss auch ein gewisses Maß an Konsequenz geben.
  • Neue politische Autoritäten sollten der Zwänge eingedenk sein, die aus einer Situation entstehen, in welcher der Widersacher Macht hat - bewaffnete Macht und Kontrolle über den Staatsdienst und/oder politische Unterstützung
  • Führende Persönlichkeiten sollten niemals vergessen, dass der mangelnde politische Druck, um diese Themen auf die Tagesordung zu bringen nicht bedeutet, dass sie nicht unter der Oberfläche kochen und darauf warten, hervorzubrechen.
  • Es ist sehr wichtig, dass die angewandten politischen Methoden nachhaltig in der Gegenwart und auf längere Sicht hin sind; sie sollten auch so transparent wie möglich sein.
  • Es ist wichtig, schnell zu agieren. Die neuen Autoritäten sollten die Vorteile des Moments und die Legitimität, die sie genießen, nutzen, um die Initiative zu ergreifen und politische Maßnahmen vorzuschlagen.
  • Ich versuche zusammenzufassen: Die Maßnahmen selbst sollten so fair wie möglich sein. Ein hoher moralischer Anspruch sollte gegenwärtig sein, selbst in Gerichtsverfahren. Wenn eine Kommission ernannt wird, sollte jedeR darin vertreten sein.
Roberta Bacic stammt aus Chile und war in den letzten 25 Jahren sowohl als Akademikerin, als auch als Aktivistin im Menschenrechtsbereich tätig. Sie ist Mitarbeiterin von Warresisters International in London.
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