Soziale Bewegungsforschung für Bewegungen in Aktion nutzen

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Rasmus Grobe

Soziale Bewegungsforschung kann aktuellen Bewegungen helfen mit den Herausforderungen in ihren politischen Auseinandersetzungen umzugehen und ein besseres Verständnis von sich selbst und ihren Strategien zu bekommen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Soziale Bewegungsforschung als eine eigenständige Disziplin der Sozialwissenschaften etabliert. Und auch wenn es mitunter sein kann, dass manche Forscher sich bei ihrer Aufgabe, Soziale Bewegungen zu erklären oder zu verstehen von den “echten” Erfahrungen der Menschen “draußen” auf den Straßen, in den Blockaden oder in ihren Gruppentreffen entfernt haben, können ihre Forschungsergebnisse dennoch einige Anregungen für die Praxis geben.

Wenn man Leute fragt, die Trainingsarbeit in Gewaltfreien Kampagnen machen, welche theoretischen Konzepte Sozialer Bewegungen sie kennen, werden viele den Movement Action Plan (MAP) von Bill Moyer nennen, der auf Erfahrungen und Fallstudien verschiedener Bewegungen basiert. Allerdings gibt es andere – “wissenschaftlichere” - Modelle und Konzepte und es ist erstaunlich, wie wenig sogar die zentralen Theorien in der Aktivistenszene bekannt sind. Solche Theorien wollen die Entstehung oder Entwicklung von Bewegungen erklären – sie wollen keine Handlungsanleitungen für praktische Aktionen sein. Trotzdem: sie zu kennen kann für Aktivisten sinnvoll sein. Die folgenden Absätze sollen die wichtigsten theoretischen Ansätze vorstellen (es gibt viele weitere...)

Ressourcenmobilisierung

Nach der Ressourcenmobilisierungs-Theorie kann eine Bewegung sich nicht entwickeln oder erfolgreich sein ohne Ressourcen – wobei Zeit und Geld, mit denen Menschen bereit sind eine Bewegung zu unterstützen die wichtigsten Ressourcen sind. Folglich braucht es Leute und Strukturen innerhalb einer Bewegung, die für Geld, Unterstützer/innen, Medieninteresse, Allianzen mit anderen Gruppen (auch Eliten) mit unterschiedlicher Macht und eine Weiterentwicklung der Strukturen sorgen. Soziale Bewegungen brauchen diese Ressourcen, weil Widerspruch und Beschwerden allein keinen Sozialen Wandel erzeugen.

Politsche Möglichkeitsstrukturen

Die Politische Möglichkeits-Theorie argumentiert, dass der Erfolg von Bewegungen von der Existenz – oder Abwesenheit – einer bestimmten politischen Möglichkeit abhängt. Politische Möglichkeit bezieht sich auf die Empfänglichkeit oder Verletzlichkeit des bestehenden politischen Systems gegenüber Herausforderungen. Diese Verletzlichkeit kann sein: das Ergebnis eines Wachstums an politischer Pluralität, eine sinkende Effektivität von Repression, ein Elitenkonflikt (d.h. eine oder mehrere der führenden Fraktionen sind intern uneinig), eine Verbreiterung des Zugangs zu Beteiligung in politischen Prozessen oder/und die Unterstützung organisierter Opposition durch Eliten.

In der dynamischen Variante des Politische Möglichkeiten-Ansatzes, der manchmal auch Politikprozess-Ansatz genannt wird, können Veränderungen in der Politischen Möglichkeitsstruktur eines Landes die Entstehung oder Entwicklung einer sozialen Bewegung erklären helfen, allerdings erkennen Bewegungsforscher mitunter an, dass es der Eingabe oder Aktivität der Initiatoren einer Bewegung bedurfte, um die politische Möglichkeit aufzudecken oder sogar zu provozieren.

Framing

Das Framing-Konzept bezieht sich auf die Entwicklung und Proklamierung eines bestimmten Bedeutungsmusters, das von einer sozialen Bewegung konstruiert wird, um einen Konflikt, die Ziele einer Kampagne und ihren Aktionsansatz zu erklären. Der Framing-Ansatz postuliert, dass die Qualität des Framings für den Erfolg einer Kampagne zentral ist (einschließlich ihres Erfolges bezüglich der Mobilisierung von Ressourcen).

Wie können diese Konzepte nun für die praktische Arbeit von Bewegungen relevant werden?

Die Ressourcen-Frage ist vermutlich am vertrautesten, wenn es darum geht, eine Kampagne oder Aktion zu planen: Die ursprüngliche Kampagnengruppe fragt sich, was es braucht, um ein Ziel zu erreichen. Dabei hat die Formulierung erreichbarer Ziele bereits eine Menge mit einer Überprüfung der eigenen Ressourcen zu tun. Ferner kann der Charakter einer Kampagne von der kritischen Überprüfung der Ressourcen-Basis bestimmt sein: d.h. anstatt eine Demonstration mit wenigen Leuten zu versuchen und dabei das Gefühl des Scheiterns zu bekommen, könnte entschieden werden mit einer Aufklärungskampagne zu starten, die später zu einer Mobilisierungskampagne ausgeweitet wird – und schließlich, wenn die Ressourcenbasis stark genug ist, könnte die Kampagne die Konfrontation suchen. Der Forscher/Aktivist Marshall Ganz hat auf die Bedeutung der Resourcenhaltigkeit einer Bewegung hingewiesen, um zu erklären wie die United Farmworkers in Californien die finanziell mächtige und von der Wirtschaft anerkannte Teamsters Union übertrumpfte.

Politische Möglichkeiten zu identifizieren ist nicht unbedingt etwas, dass allen Aktivisten gefällt. Wir denken mehr im Sinne von Bedürfnissen und Forderungen. Tiefer in die reale Welt politischer Entscheidungsfindung zu blicken scheint weit weg zu sein von unseren Werten und die vorhersehbaren und ritualisierten Prozesse politischer Entscheidungsprozesse geben nicht viel Raum für Aktionen von außerhalb dieser politisch-ökonomischen Machtstrukturen.
Ein zentraler Gedanke, den der Ansatz geben kann, ist sich bewusst zu sein, dass es Bedingungen geben kann, die außerhalb des Einflusses sozialer Bewegungen liegen. Aktivist/innen sind eingeladen, diese Möglichkeitsstrukturen nicht außer Acht zu lassen, wenn sie ihre Themen, Aktionsformen und Ziele bestimmen. Zentral ist, wie soziale Bewegungen ihrem Kontext Sinn geben.

Die echte Herausforderung liegt darin, die Themen und Konfliktpunkte zu identifizieren, die sowohl innerhalb der Gesellschaft aber potentiell auch innerhalb der Eliten kontrovers sind und dann den kritischen Moment zu erkennen, wenn es angesagt ist, eine Kampagne zu starten.
Ironischerweise – oder bedauerlicherweise, öffnen sich 'Windows of Opportunity' häufig dann, wenn Katastrophen oder Skandale passieren, z.B. wurde das jüngste Unglück in Fukushima zum ultimativen Unterstützungshebel für die deutsche Anti-Atom-Bewegung, um die Rückkehr zum Atomausstieg durchzusetzen. Allerdings wäre dieser Erfolg wohl nicht möglich gewesen ohne die Vorarbeit, die in Jahrzehnten durch Graswurzel-Kampagnen und etablierte Netzwerken gelegt wurde, die innerhalb weniger Tage für die Organisation der Demos und Aktionen genutzt werden konnten.

Schließlich: einen guten Rahmen, einen Frame, zu entwickeln ist ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg einer Kampagne. Nach der Theorie besteht ein “Master frame' aus drei Komponenten:

  • Das diagnostic framing besteht aus der Problemdefinition: klar machen, was der Kern des Problems ist, warum es exisitiert und wer dafür verantwortlich ist.
  • Das prognostic framing entwickelt eine Vorstellung darüber, wie, von wem und mit welchen Mitteln das identizierte Problem gelöst werden kann. Wichtig ist dabei, nicht nur eine abstrakte Problemlösung zu haben, sondern auch sehr konkrete Vorschläge.
  • Das motivational framing betrachtet die Verbindungen zwischen Problem und der einzelnen Person und präsentiert Anreize oder Motivationen sich an der Kampagne zu beteiligen oder sie zu unterstützen.

Die Mobilisierungskraft eines Frames beruht auf diesen drei Komponenten und ihrem Zusammenspiel. Wenn es gut gemacht ist, kann es und sollte es immer wieder für alle möglichen Mobilisierungsmaterialen, Pressearbeit, Ansprache von Bündnispartnern etc. genutzt werden.

Zusammenfassend: Theorie anzuschauen kann neue Anstöße geben für praktische Aktionen geben und Strategiedebatten befruchten.

Leseempfehlungen:

  • Doug McAdam, John D. McCarthy, Mayer N. Zald (eds.): Comparative Perspectives on Social Movements: Political Opportunities, Mobilizing Structures, and Cultural Framings. Cambridge University Press 1996.
  • JoAnn MacAllister, Mary Lou Finley, Bill Moyer (eds.): Doing Democracy: The Map Model for Organizing Social Movements: The Map Model for Organising Social Movements. New Society Press 2001.
  • Sidney G. Tarrow: Power in Movement: Social Movements and Contentious Politics. Cambridge University Press, 3rd ed. 2011.
  • Felix Kolb: Protest and Opportunities: The Political Outcomes of Social Movements. Campus Verlag 2007.

Bewegungsakademie, Verden, Germany, www.bewegungsakademie.de

übersetzt von Inge Dreger

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