Land-Bewegungen und Gewaltfreiheit in Indien

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von Rajagopal PV

Die öffentlich am bekannteste Land-Bewegung in Indien war die Bhoodhan-Bewegung.In den Fünfzigern und Sechzigern ging ein Schüler Mahatma Gandhis, Vinobha Bhave, quer durch das Land und bat um Land als Geschenk. Seine Strategie war es, dass Landbesitzer ihn als einen der ihren behandelten und ihm ein Teil ihres Landes gaben, das dann wieder an landlose Leute verteilt werden konnte. Er brauchte 14 Jahre, um quer durch das Land zu gehen und ein bißchen mehr als 4 Millionen Morgen (Acres) Land zu sammeln. Das war eine sehr radikale Vorgehensweise auf der Basis seiner Philosophie der "Änderung des Herzens".

Diese Vorgehensweise wurde oft von linken politischen Parteien kritisiert, da diese dachten, Vinobha Bhave versuche, die Landbesitzer zu schützen und ein mächtiges Gesetz zu verhindern, das es dem Staat ermöglichte, den Bauern das Land wegzunehmen. Ich werde diese Gelegenheit nicht nutzen, um Erfolg oder Mißerfolg dieser Bewegung zu analysieren. Darüber wurde bereits eine Menge geschrieben. Aber es ist äußerst interessant zu sehen, wie eine Einzelperson eine besondere Strategie nutzen kann, um Land von den Mächtigen an die Machtlosen zu verteilen. Obgleich die Sozialisten und die Linken alle ihre Bewegung um die Agenda Landverteilung aufbauten, steht Land nicht länger auf ihrer Agenda. Mit dem Beginn der Globalisierung gab es eine dramatische Verschiebung im Denken derer, die an sozialistische und linke Ideologien glaubten. Sie ergeben sich auch langsam der Idee, dass Globalisierung unvermeidbar ist und nicht viel getan werden kann, um Land und Lebensunterhalt-Ressourcen der Leute zu schützen. Lassen Sie mich hier auch die Rolle der radikalen Gruppen erwähnen, die an Gewalt als Mittel zur Umverteilung des Landes glaubten. Obwohl sie nicht wirklich Land umverteilen konnten, haben die Leute – in Gebieten, wo sie präsent sind – immer noch Land und Lebensunterhalt-Ressourcen und können in gewissem Maße die Auswirkungen der Globalisierung erfolgreich vermeiden. Janadesh und Jansatyagraha schlagen vor, bei der Landumverteilung den Mittelweg zu gehen. Wir glauben, dass es schwer ist, die moralische Kraft eines Vinobha Bhave zu haben, um das Problem mit Hilfe des Mitgefühls zu lösen. Wir denken auch, dass Landumverteilungen durch Blutvergießen und das Erzeugen permanenter Animositäten zwischen Gruppen wert sind. Wir nutzen gewaltlose Massenaktionen, um die Regierung zur Lösung auf Gesetzesebene zu drängen. Innerhalb dieses gesetzlichen Rahmens kann die Regierung tätig werden, indem sie die schon vorhandenen Gesetze durchsetzt. Aber diese Gesetze können nur durchgesetzt werden, wenn die Regierung bereit ist, die Randgruppen zu unterstützen. Da die führende Klasse Land und Ressourcen besitzt, ist es für diese nicht leicht, eine radikale Position zur Unterstützung der Schwachen und der Randgruppen einzunehmen. Lassen Sie mich dem internationalen Leser ein paar Beispiele geben.

In Indien haben wir ein Dach-Gesetz. Dieses Gesetz besagt, dass jeder Bauer bis zu 20 Morgen bewässertes Land und ca. 40 Morgen unbewässertes Land haben darf. (Diese Zahlen variieren von Staat zu Staat.) Wenn dieses Gesetz buchstäblich durchgesetzt würde, dann gäbe es einen Überfluß an für Umverteilung an die Landlosen verfügbarem Land. Es fanden viele Manipulationen statt, die den Regierungsbeamten bekannt waren, und als Ergebnis ist die Menge des für Umverteilung verfügbaren Landes begrenzt. Ein weiteres Beispiel ist das kürzlich in Kraft getretene Waldrecht-Gesetz von 2006. Das war das Ergebnis eines langjährigen Kampfs zahlreicher Gruppen. Durch dieses Gesetz können die Ansprüche der Ureinwohner (Adivasis) auf das Land, das sie bebaut haben, zu deren Gunsten geregelt werden. Sie werden erstaunt sein, dass in einem Land, in dem es 80 Millionen Ureinwohner gibt, nur 1 Million Leute in den letzten 5 Jahren Land bekommen haben. (Mit 8 Familienmitgliedern gibt das eine Verteilungsrate von 12,5 %.) Das zeigt schon das Niveau unserer Leistung zur Unterstützung armer Leute. Durch den Druck von zivilen Gruppen hat die Regierung verschiedene Komitees gebildet, um sich des Problems des Landbesitz- und Landverteilungsmusters in dem Land anzunehmen und Empfehlungen zu erteilen.

In den letzten 10 Jahren gab es viele Komitees und es lagen viele interessante Empfehlungen auf dem Tisch. Unterschiedliche Komitees haben wiederholt gesagt, dass es zu massiver Abwanderung in die Städte kommen wird, wenn die Lebensunterhalt-Ressourcen nicht verteilt würden. Das könnte auch zu erhöhter Gewalt im ländlichen Indien führen. Leider wurden diese Empfehlungen nicht in bedeutende Politik und Gesetze umgesetzt. Wie viele andere Länder auch, ist Indien in zwei Teile gespalten. Auf der einen Seite fordern arme Leute Land und Lebensunterhalt-Ressourcen und auf der anderen Seite fragen nationale und multinationale Firmen nach Land und Ressourcen. In einer globalisierenden Welt, wo die Entscheidungen hauptsächlich zugunsten der globalen Kräfte fallen, ist es wichtig, gewaltfreie soziale Bewegungen wie Janadesh und Jansatyagraha zu haben, die den Staat daran erinnern, dass er nicht parteiisch sein darf. Die Entscheidungen müssen alle mit einbeziehen.

Obgleich Indien unter der Führung von Gandhi und vielen anderen eine Geschichte gewaltfreien Kampfes hat, neigen wir dazu, die Macht der Gewaltfreiheit bei der Bewältigung der heutigen Probleme zu ignorieren. Während wir ständig über unsere Geschichte und unseren Stolz auf unseren gewaltfreien Kampf diskutieren, neigt die Regierung dazu, die Stimme derjenigen mit Gewalt zu unterdrücken, die sie in Unterstützung der Randgruppen erheben. Regieren durch Beratung und Dialog wurde noch nicht einmal in den weit entwickelten Demokratien zur Kultur. Die natürliche Tendenz ist es, zu sagen, dass die gewählte Regierung die Freiheit haben sollte, für alle zu entscheiden. Sie wisse, was dem Interesse des Landes entspricht. Und durch diese Analyse werden die Stimmen der Randgruppen noch mehr marginalisiert. Durch Janadesh und Jansatyagraha versuchen wir, deren Stimmen in den Mittelpunkt zu rücken. Wie lange kann ein Staat unterdrücken und wie lange kann ein Staat die Stimmen der Unterdrückten ignorieren. Während in Indien viele Anstrengungen unternommen werden, meinen wir, dass internationale Solidarität notwendig ist für die Arbeit mit Gewaltlosigkeit und die Arbeit im Interesse der Machtlosen und Randgruppen.

Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, Sie über die Art der gewaltfreien Strategien zu informieren, die wir in unserem fortlaufenden am 2. Oktober 2011 begonnenen Kampf entwickelt haben. Die erste Strategie war die Wahl des Internationalen Tags der Gewaltfreiheit als Start der Aktion. Wir begannen am 2. Oktober ein Yatra (eine Straßenreise) in Kanyakumari, der Südspitze Indiens. Wir werden unseren historischen Marsch ab Gwalior am 2. Oktober beginnen. Die zweite Strategie war das Einbinden einer großen Anzahl von Organisationen über alle politischen Ideologien hinweg. Wir versuchen, für unsere Aktion im Jahr 2012 ca. 2000 Organisationen an Bord zu holen. Die dritte Strategie war die Reise (Yatra) quer durch das Land und der Besuch der meisten gewaltfreien Gruppen, wo Leute versuchen, sich selbst gegen den Transfer der Ressourcen an mächtige Lobbies zu organisieren, und von jeder dieser Gruppen nehmen wir Bodenproben, um eine Ausstellung in Delhi zur Information der Leute über die Geschichte jeder dieser Gruppen zusammenzustellen. Eine weitere wichtige Strategie ist es, 12.223 Aktivisten zu trainieren, damit sie den historischen Marsch von 100.000 (1 lakh) Leuten leiten können. Jeder davon muß wissen, wie ein langer Marsch mit tiefer Verpflichtung zur Gewaltfreiheit organisiert werden kann. Eine weitere Strategie ist, die Freiheitskampfgruppen der älteren Generation, die unter der Führerschaft von Mahatma Gandhi arbeiteten, dazu zu bringen, einen Sitzstreik in Delhi zu machen während die Randgruppen-Gesellschaften auf der Straße sind. Es gibt viele andere Strategien, die angewandt werden, um den ganzen Vorgang nicht nur gewaltfrei sondern mit hoher Teilnahme zu gestalten. So soll der gesamte Kampf Land- und Lebensunterhalt-Ressourcen als Kernpunkt behalten ohne die Philosophie der Gewaltfreiheit zu komprimitieren. Durch diesen Prozess hoffen wir, dass die Landagenda wieder auf den Tisch kommt und die Regierung gezwungen wird, so zu agieren, dass ein wirksames strukturelles Mittel gefunden wird, um Landumverteilung, nachhaltige Landwirtschaft und Armutsbeseitigung zu ermöglichen.

Übersetzung: Inge Dreger

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