Die Rolle der Schutzbegleitung

Zu wissen, dass man nicht allein ist, ist ein grundlegender psychologischer Faktor, der hilft, mit Angst umzugehen. Er wird zu einem effektiven Instrument, wenn diejenigen, die einen begleiten, die Fähigkeit haben, das Risiko, dem man ausgesetzt bist, zu reduzieren. Obwohl oft in Zahlen eine gewisse Stärke liegt – 1.000 DemonstrantInnen werden weniger wahrscheinlich festgenommen als 50, denn 1.000 könnten die Kapazität derjenigen, die die Festnahmen vornehmen, übersteigen, und zu größerer öffentlicher Aufmerksamkeit führen -, fordert Schutzbegleitung gewöhnlich mehr, als nur die Zahlen zu erhöhen.

Definition
„Schutzbegleitung“ hat eine enge und eine weite Bedeutung. Im engen Sinne beschreibt sie die physische Anwesenheit einer Begleiterin oder eines Begleiters als (unbewaffneten) 'Bodyguard', Präsenz in Büros von AktivistInnen, die Beobachtung von Demonstrationen und anderen Protesten oder eine vorbeugende Präsenz in bedrohten Dörfern mit der Absicht, gewaltsame Angriffe oder Polizeiübergriffe dadurch abzuhalten, dass die/der BegleiterIn die Tat beobachten und reagieren würde.1

In einem weiteren Sinne wird der Begriff 'Schutzbegleitung' beinahe synonym damit gebraucht, was sonst unter 'Solidaritätsarbeit' läuft.

In Widerspruch zu der üblichen Definition von Schutzbegleitung, wie sie zum Beispiel in Mahonys und Egurens klassischer Studie „Unarmed Bodyguards“2 gegeben wird, soll hier von Anfang an betont werden, dass es nicht nur Internationale sind, die Schutzbegleitung anbieten, sondern oft – und wahrscheinlich viel gewöhnlicher – es MitbürgerInnen sind, die solchen Schutz bieten.

Wie Schutzbegleitung funktioniert
Aus dem Blickwinkel des/der AktivistIn, die/der einer Bedrohung ausgesetzt ist, kommt die Begleitung unter „Kapazität“ in die Formel für Risiko, die in vielen Handbüchern und Kursen über Sicherheit zu finden ist:

Bedrohung x Verwundbarkeit
Risiko = ------------------------------------
Kapazität1

Falls die Begleitung dem gleichen Maß an Risiko ausgesetzt ist wie der/die Begleitete, dann erhöht sie in der Tat nur die Zahlen. Aber BegleiterInnen werden effektiver, sofern sie Einfluss haben, das Verhalten jener zu beeinflussen, von denen die Drohung ausgeht (z.B. Polizei, Paramilitärs, feindliche Mobs, Todesschwadronen etc.) Verschiedene Quellen solchen Einflusses oder Macht können unterschieden werden:

1. Eine respektierte Persönlichkeit zu sein aufgrund von Beruf, Alter, Mitgliedschaft in einer bestimmten Gruppe (z.B. religiösen Orden oder der führenden politischen Partei), das Vertrauen der Gemeinschaft zu genießen, eine religiöse oder politische Führungsrolle innezuhaben usw. Dies ist eines der Instrumente, das einheimische SchutzbegleiterInnen am häufigsten einsetzen können. Zum Beispiel waren es in Sri Lanka oftmals katholische Bischöfe, die halfen, MenschenrechtsverteidigerInnen zu beschützen. In vielen Ländern, besonders in ländlichen Gebieten, sind es Älteste, die eine solche Rolle spielen.

2. Respektiert zu werden, weil man ein/e privilegierte/r AusländerIn ist. Das funktioniert in jenen Ländern, wo AusländerInnen – oder bestimmte Kategorien von AusländerInnen, besonders solche weißer Hautfarbe – höheres Prestige als durchschnittliche Einheimische genießen. Dies ist die Idee, auf der die meisten älteren Friedensteam-Organisationen fußen.1 Doch oft ist dieses Macht-durch-Privileg-Prinzip ein Erbe der Kolonialzeit oder Resultat gegenwärtiger Weltmachtpolitik, und hat daher den Beigeschmack der Ausnutzung von Rassismus und Herrschaft – eine Tatsache, der sich die meisten Friedensteam-Organisationen schmerzhaft bewusst sind.

3. Einfluss durch Vertrauen, das man durch Arbeit in der Gemeinschaft oder der Region gewonnen hat, z.B. wenn man Mitglied einer bekannten humanitären Organisation oder einer zivilen Peacekeeping-Mission ist. Die NRO Nonviolent Peaceforce hat festgestellt, dass dies einer der Hauptfaktoren für ihre Wirksamkeit beim Schutz von Zivilbevölkerung ist. Nonviolent Peaceforce setzt mindestens genauso viele Friedensfachkräfte aus dem globalen Süden wie aus dem Norden ein, und musste deshalb ihren Einfluss auf andere Elemente als die zuvor genannten Friedensteams aufbauen. Sie fand heraus, dass es der Aufbau von Vertrauen in den Gemeinschaften ist, der den Unterschied ausmacht.

4. Gefürchtet zu werden, weil man Instrumente zur Hand hat, einem Angriff unmittelbar zu begegnen. Die offensichtlichste Kategorie hier sind natürlich bewaffnete Bodyguards, Polizei oder Militär. Aber auch unbewaffnete Zivilpersonen mögen solche Instrumente zur Verfügung haben:

a) Das bestbekannte ist die Fähigkeit, den Preis eines Angriffs dadurch in die Höhe zu treiben, das man internationalen Druck organisiert. Das ist, was die TheoretikerInnen von Peace Brigades International die 'Macht der Abschreckung' nennen.2 Alermnetzwerke von Leuten, die bereit stehen, Protestbriefe an eine Regierung zu schreiben, Botschaften und einflussreiche internationale PolitikerInnen zu mobilisieren, und natürlich der Einsatz internationaler Medien sind Werkzeuge für diesen Zweck.

b) 'Blaming und shaming' im persönlichen Kontext der potentieller Täter. Das tut zum Beispiel die weißrussische Organisation “Unser Haus” , indem sie Briefe an NachbarInnen und KollegInnen von BeamtInnn schreibt, die sich Übergriffe auf AktivistInnen erlaubt haben. Das hat sich als sehr effektiv dabei erwiesen, das Verhalten der BeamtInnen zu ändern. (Siehe den Artikel von Sarah Roßa in dieser Zeitschrift.).

Selbstverständlich schließen sich diese Eigenschaften und Fähigkeiten nicht aus – oft werden zwei, drei oder sogar alle vier miteinander in einer Person oder Gruppe vereint.

Ein paar Beispiele
1. Schutz durch MitbürgerInnen
Ein Beispiel ist die erwähnte weißrussische NRO Unser Haus. Ein anderes sind einige wenige lokale NROs und Dachorganisationen (z.B. Bantay Ceasefire) in Mindanao / Philippinen, die unbewaffnetes ziviles Peacekeeping bei der Überwachung eines Waffenstillstands zwischen der philippinischen Regierung und Moro Rebellen auf der Insel lange vor dem Eintreffen von Nonviolent Peaceforce auf der Insel einsetzten.

2. Längerfristige schützende Anwesenheit durch internationale oder nationale Friedensteam- oder Peacekeeping Organisationen, um Gemeinschaften zu beschützen.

Die erwähnte Nonviolent Peaceforce tut dies u.a. in den Philippinen und im Süd-Sudan. Sie setzt zu diesem Zweck gemischte nationale-internationale Teams in betroffenen Gemeinden ein. Durch eine große Bandbreite von Aktivitäten, die von sichtbarer Präsenz und Beobachtung bis zu 'guten Diensten' für Dialog, dem Aufbau von Frühwarnsystemen bis hin zu schnellen Interventionen reichen, sofern akute Gewalt droht, ist sie recht erfolgreich darin, ZivilistInnen in den Orten, wo sie arbeitet, zu beschützen.

3. Unbewaffnete 'Bodyguards“
Das sicher 'klassische' Beispiel ist die manchmal rund-um-die-Uhr organisierte Schutzbegleitung von MenschenrechtsverteidigerInnen, die von Todesschwadronen oder Polizei bedroht werden, durch die Freiwilligen von Peace Brigades International in einer Reihe von Ländern, vor allem in Lateinamerika. Es ist noch nie ein/e AktivistIn getötet worden, während PBI sie oder ihn begleitete – oftmals in einem Umfeld, wo solche Morde ansonsten häufig passieren, was die Wirksamkeit von PBIs (sorgfältig geplanten und durchgeführten) Aktivitäten zeigt.

4. Kurzfristige Besuche von internationalen Delegationen
Besonders in Lateinamerika haben ein paar Friedensorganisationen aus den USA entwickelt, was beinahe eine Tradition der Entsendung von Delegationen in Orte wurde, wo Menschenrechtsverteidiger in Gefahr sind. Witness for Peace und Christian Peacemaker Teams sind zwei Beispiele.

5. Begleitung aus der Ferne durch internationale Organisationen
Eine Mitgliedsorganisation der War Resisters' International, die schwul-lesbische Gruppe GALZ in Zimbabwe, hat sich wiederholt Polizeiübergriffen und Festnahme von führenden AktivistInnen ausgesetzt gesehen. Das Büro der WRI ist in regelmäßigem Kontakt mit ihnen und informiert bei Bedarf sein Netzwerk von Mitgliedsorganisationen mit der Bitte, Protest- oder Solidaritätsbriefe etc. zu senden. Ein anderes bekanntes Beispiel für diese Art von Arbeit ist natürlich Amnesty International mit seinen Gefangenen-Kampagnen.

Fähigkeiten und Grenzen von Schutzbegleitung
Schutzbegleitung hat ohne Zweifel das Leben von vielen AktivistInnen gerettet und ihnen ermöglicht, ihre Arbeit fortzusetzen. Doch wie mit allen gewaltfreien Aktivitäten darf auch bei Schutzbegleitung nicht angenommen werden, dass sie allmächtig ist. Sie kann auch versagen und hat es getan. Ein bekanntes Beispiel ist die kolumbianische Friedensgemeinde San José de Apartadó, die trotz der ständigen Anwesenheit von Internationalen aus mehr als einer Organisation wiederholt Angriffe und Morden ausgesetzt war. Illegale Festnahmen, Folter und Morde passieren in vielen Ländern trotz versuchter 'Begleitung aus der Ferne'. Daher ist es immer notwendig, eine sorgfältige Risikoanalyse zu erstellen, bevor man irgendeiner Form von Schutzbegleitung ins Auge fasst. Eine Strategie, die in einem Kontext funktioniert, könnte versagen oder sogar kontraproduktiv in einem anderen Kontext sein, weil die BegleiterInnen nicht die gleichen Quellen von Einfluss und Macht zur Verfügung haben. Oder einfach, weil die Interessen der Täter an ihrer illegalen Aktivität so stark sind, dass sie bereit sind, den Preis zu zahlen.

Nachdem ich dieses gesagt habe, möchte ich den Artikel so schließen wie ich ihn begonnen habe: Selbst in solchen Fällen, wo die BegleiterInnen keinen extra Einfluss oder Macht haben, ist das simple Wissen, dass es Leute gibt, die das Geschehen nicht gleichgültig lässt, dass man nicht vergessen sein wird, und dass sich die Familienangehörigen auf Unterstützung verlassen können und nicht sich selbst überlassen bleiben, ein wichtiger Faktor bei der Überwindung von Angst.

Christine Schweitzer.

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