Warum ich schwedische Waffen abrüstete

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Martin Smedjeback

Anna und ich versteckten uns in den Büschen bei Saab Bofors Dynamics in Eskilstuna. Ich flüsterte ihr zu: „Siehst du irgendwen?“ Nein, sie sah keinen und ich auch nicht. Die Luft war rein. Wir hatten den Zaun aufgebrochen, der diese Waffenschmiede umgab. Wir waren bereit, in die Fabrik einzubrechen, in der Granatwerfer hergestellt werden. Es war zwei Uhr am Morgen des 16. Oktober 2008.

Das grundlegendste Menschenrecht ist das Recht auf Leben. Auf Mord stehen in den meisten Ländern hohe Gefängnisstrafen. Doch in einem Fall, einem Fall von systematischem und massenhaftem Mord gewährt der Staat Straffreiheit. Diese Ausnahme ist Krieg. Es ist mir ein Rätsel, warum wir bereit sind Mord durch Soldaten zu akzeptieren und gleichzeitig Mord in Friedenszeiten zu verurteilen.

Schweden schickt nicht viele Soldaten in den Krieg, doch mein Land beteiligt sich auf andere Art an Kriegen. Schwedische Politiker prahlen mit Schweden als Land des Friedens, vergessen jedoch zu erwähnen, dass unser Land einer der größten Waffenexporteure der Welt ist. Wir waren der zweitgrößte Waffenexporteur pro Einwohner im Jahr 2007 (Quelle: www.sipri.se). Unsere Politiker sind stolz auf unsere „strengen Richtlinien“ für Waffenexport, doch das Problem ist, dass sie dauernd verletzt werden.

Eine der Richtlinien lautet, dass wir nicht in Kriegsgebiete exportieren sollten. Eine von vielen Verletzungen dieser Richtlinie geschah im Jahr 2003 mit der Invasion im Irak, eine Intervention, die von der schwedischen Regierung als Völkerrechtsbruch streng verurteilt wurde. Jedoch anstatt die Waffenexporte in die USA, den Hauptbeteiligten der Invasion, auf der Grundlage der Richtlinien zu stoppen, steigerte Schweden sie im Jahr 2003 um 88 Prozent. Bis heute werden schwedische Waffen an die USA geliefert und im Irak eingesetzt. Wir schicken schwedische Waffen jedes Jahr an etwa 60 Länder und unsere Waffenexporte haben sich von 2001 bis 2008 vervierfacht.

„Wir sind bereit, in die Fabrik hineinzugehen“, sagte Alvin über das Freisprechgerät zu Annika, die in einem Hotelzimmer in Karlskoga saß. Annika hielt den Kontakt mit unseren Kollegen Cat und Pelle, die gleichzeitig eine Abrüstungsaktion bei BAE Systems in Karslkoga durchführten. Ich nahm eine schwere Brechstange und setzte meine Schutzbrille auf. „Jetzt oder nie“, sagte ich zu Alvin und wir gingen zu einer Stahltür. Wir kämpften uns beide ab, um die Tür auf zu bekommen. Als ich nach 20 Minuten stark schwitzte und meine Muskeln schmerzten, sagte ich zu Alvin: „Ich glaube nicht, dass wir diese Tür öffnen können.“ Wir gingen stattdessen zu einem Fenster, das eine weit bessere Wahl darstellte. Wir schlugen ein paar Minuten auf das verstärkte Fenster ein und bekamen es auf. Wir waren drinnen!

Die schwedische Friedensbewegung hat Jahrzehnte dafür gekämpft, schwedische Waffenexporte zu stoppen. Ich selbst habe sieben Jahre als Hauptamtlicher für den schwedischen Versöhnungsbund gearbeitet, der versucht schwedische Waffenexporte mit Konferenzen, Arbeitsgruppen, Mahnwachen, Artikeln, Lobbying und ähnlichen Methoden zu stoppen. Doch wenn Leben in Gefahr sind, sollten uns alle gewaltfreien Methoden zur Verfügung stehen. Stell dir vor, du gehst an einem brennenden Haus vorüber. Du hörst drinnen ein Kind schreiben, gefangen in den Flammen. Denkst du nicht, dass es akzeptabel ist, ein Fenster oder eine Tür aufzubrechen, um das Kind vor dem Feuer retten zu können? Da Menschenleben einen größeren Wert als unbelebte Sachen darstellen, wird eine solche Tat von den meisten von uns akzeptiert. Juristisch wird dies „Notstand“ genannt und von den meisten Ländern akzeptiert. Bei der Rettung von Leben, die durch schwedische Waffen bedroht sind, kann ähnlich argumentiert werden. Waffen, die in Kriegen eingesetzt werden, werden aus schwedischen Häfen und Flughäfen in dramatisch gestiegener Anzahl verschickt. Unter den Empfängern finden sich Diktaturen wie Bahrain und Saudi Arabien, Kriegsparteien wie die USA und arme Länder wie Südafrika und Pakistan. Viele dieser Waffen werden Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder, Soldaten und Zivilisten gleichermaßen töten und verstümmeln.

Anna und ich standen in der gut erleuchteten Fertigungshalle. Wir sahen Reihen um Reihen von Carl-Gustaf-M3-Granatwerfern. Für einen Friedensaktivisten war das fast wie für ein Kind in einen Zuckerladen zu kommen. Wir verschwendeten keine Minute, sondern begannen direkt die tödlichen Waffen vor uns abzurüsten. Wir benutzten einfache Werkzeuge wie Hämmer um die Granatwerfer abzurüsten. Wir arbeiteten etwa zwanzig Minuten, überrascht, dass wir nicht von Wachdienst oder Polizei unterbrochen wurden. Anna rief die Polizei an und sagte ihnen, dass wir Friedensaktivisten wären, die bei Saab Waffen abrüsten, und dass wir auf sie warten würden. Wir saßen in der Mitte der großen Fertigungshalle und begrüßten die Polizei, als sie mit gezogenen Waffen und einem Polizeihund ankam.

Drogen kosten tausende Leben jeden Tag. Dasselbe gilt für Waffen. In Schweden ist sowohl der Kauf als auch der Verkauf von Drogen illegal. Die höchste Strafe trifft den Verkäufer. Warum haben wir nicht dieselben Gesetze für Waffen? Heute erteilt der schwedische Staat die Genehmigung für einen Waffenexport ohne großes Nachdenken. Die schwedischen Richtlinien für Waffenexport, die absichern sollten, dass der Handel kontrolliert blieb, haben vor Profit und Machtgier kapituliert. Du wirst Waffenhändler nicht an der Ecke in einer zwielichtigen Gegend mit eine paar hundert Dollar finden. Sie sitzen in modischen Büros bei Saab Bofors Dynamics mit Millionen Dollar, während Politiker sich entscheiden wegzusehen.

Ich hatte ein weißes Hemd und eine Jacke an diesem wichtigen Tag an, am 9. März 2009 – meiner ersten Vorladung vor einem schwedischen Gericht. Ich hatte mehr als 30 Unterstützer in meinem Rücken. Das gab mir Stärke und Ruhe. Ich sprach nicht nur für mich selbst, sondern für viele. Zu meinem Schlusswort stand ich auf und sagte: „In einer Demokratie zu leben, bedeutet nicht nur, mehr Rechte und Sicherheit zu haben. Es bedeutet auch, dass jeder Bürger eine größere Verantwortung übernehmen muss. In einer Diktatur kann eine Person (oder einige) für die Politik des Landes verantwortlich gemacht werden. In einer Demokratie ist jeder Bürger verantwortlich für dessen Politik. Darum haben wir als Bürger eine Pflicht zum Eingreifen, wenn unsere Vertreter die Entscheidungen des Parlaments nicht umsetzen oder die Menschenrechte nicht achten – zum Beispiel wenn Menschen durch schwedische Waffen getötet werden, die nie für den Export gedacht waren.“

Das Gericht verurteilte mich zu vier Monaten Gefängnis für meine Friedensaktion. Das ist ein kleiner Preis, wenn unsere Abrüstungsaktion nur ein Leben retten kann. Wenigstens die Waffen, die wir abgerüstet haben, werden keinen töten. Doch wir wollen alle schwedischen Waffenexporte stoppen. Mit diesem Ziel wird die Kampagne weitergehen. Wir laden jeden ein, sich in irgendeiner Art zu beteiligen.

(Nähere Informationen über die Kampagne in Englisch: www.avrusta.se)

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