Der Friedensprozeß - irische Geschichten und Schauplätze

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Gesprächsleitung: Rob Fairmichael, INNATE

Der Bürgerzwist, der Nordirland 30 Jahre lang plagte, endete offiziell 1998, als alle betroffenen Gruppen - Katholiken/Nationalisten /Republikaner, Protestanten/Unionisten/Loyalisten und die Regierungen Irlands und Großbritanniens das Karfreitag-Abkommen unterzeichneten. Ian White, Leiter des Glencree-Zentrums für Wiederversöhnung, der selbst ein moderater Protestant/Unionist ist und mit seiner katholischen Frau vor der zunehmenden Belästigung in Belfast floh, wies jedoch darauf hin, daß die Beziehungen zwischen den Gruppen in Nordirland immer noch sehr schwach sind, und der Friede zwischen den betroffenen Leuten erst aufgebaut werden muß.

Die Geschichte des Glencree-Zentrums zeigt ein paar Wege hin zum Aufbau von Beziehungen nach der Gewalt und Bewältigung mancher Probleme, denen wir gegenüberstehen. Glencree in der Republik Irland versucht mit verschiedenen von ihnen entwickelten Programmen, Mängel und Lücken im Friedensschaffungsprozeß in Nordirland auszugleichen und die Arbeit von Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen und -gruppen auf diesem Gebiet zu ergänzen und zu unterstützen. Das Zentrum bietet einen "sicheren Raum", Einrichtungen, geschultes Personals und Freiwillige für jede Gruppe oder jede Einzelperson, die auf einen andauernden Frieden im Norden hinarbeiten will. Das Zentrum wird von britischen, irischen und europäischen Regierungsorganisationen und aus privaten Quellen finanziert, obgleich das Mitteleinwerben sehr viel der wertvollen Zeit in Anspruch nimmt. Um seine Workshops und Projekte durchführen zu können, hat das Glencree-Zentrum drei Werte entwickelt: (1) Einschluß aller Personen; (2) kein Urteil über irgendeine Person, obgleich das manchmal ziemlich schwierig ist und (3) keine Sündenböcke. Die Programme im Glencree-Zentrum sind für unterschiedliche Zielgruppen gedacht: örtliche politische Workshops bringen politische Führer, Aktivisten und - oft zögerlich - Mitglieder der Sicherheitskräfte aus allen Teilen der britischen Inseln zusammen zu einem Wochenende strukturierter Diskussionen und zwangloser Gespräche ("Geschichtenerzählen"). Ca. 200 Personen nahmen in einem Jahr an rund 8 Workshops teil. Das führt oft zu fruchtbarem Vernetzen zwischen Teilnehmern und zu der Erkenntnis, daß man mit dem "Feind" sprechen kann, ohne seine Identität opfern zu müssen. Glencree bietet Trainingsprogramme für Verhandlungen, Mediationen und andere alternative Lösungspraktiken an. Das Zentrum versucht auch, Führer und Mitglieder der Hauptkirchen - die man oft beschuldigte, entweder den Konflikt im Norden zu schüren oder den Kopf in den Sand zu stecken - in grenz- und gruppenübergreifenden Workshops zu engagieren. Es ist besonders wichtig, daß die Teilnehmer an diesen Workshops lernen zu akzeptieren, daß es zwei Wahrheiten geben kann: "Wenn eine richtig ist, heißt das nicht, daß die andere falsch ist."

Jacinta de Paor stellte ein Opfer-/Überlebenden-Projekt L.I.V.E. (Let's Involve the Victims Experience - kümmern wir uns um die Erfahrungen der Opfer) anhand von zwei Filmen vor: einer war über Jugendliche aus Nordbelfast, einer der schlimmsten Konfliktzonen, die an einem Wochenendprojekt teilnahmen; der andere zeigte das erste Treffen im Jahre 2000 zwischen Pat Magee, einem früheren IRA-Mitglied, der an der Ausführung des Bombenanschlags auf das Brighton-Hotel im Jahre 1984 beteiligt war, und der Tochter eines der Opfer dieses Bombenanschlags. L.I.V.E. begann sehr klein, aber hat jetzt jährlich 10 Wochenendseminare (jeweils 25 Leute). Opfer/Überlebende aus allen Teilen der britischen Inseln, dem britischen Mutterland, Nordirland und der Republik Irland nahmen teil. Treffen beginnen normalerweise freitags mit einer vertrauensbildenden Vorstellung und gehen am Samstag mit Training (z.B. hinsichtlich der Medien oder der Verfassung) weiter und, wenn es angebracht ist und von allen akzeptiert wird, einem Treffen zwischen Opfern und Exkämpfern - letzteres ist oft sehr schwierig. Spaß, Kunst und Musik sind wichtige Aspekte der Arbeit, und zwar an sich schon und auch als Erleichterung des verbalen Austausches. Am wichtigsten dabei ist, daß jeder über sein Leiden spricht, es zu akzeptieren versucht und den anderen zuhört. Um zu vermeiden, daß Leute nicht zuhören, muß jeder, der eine Frage stellen möchte, aufstehen und sich auf einen bestimmten Stuhl setzen. Diese Art der Strategie könnte man zusammenfassend "Erzähle Deine Geschichte und heile damit die Erinnerung" nennen. Obgleich diese Art der Heilung die Einzelperson betrifft, beinflußt sie auch die Gruppen als Ganzes, da die erzählten Geschichten sowohl von den Gruppen als auch von den Einzelpersonen handeln. Die Verbundenheit mit und den Bezug zu dem Leben der Teilnehmer - in der Vergangenheit und in der Gegenwart - werden immer ganz deutlich. Die Ziele von L.I.V.E. sind die Unterstützung der Opfer, während sie ihre Vergangenheit aufarbeiten, indem sie vergangene Verletzungen und Fehler bestätigen, lernen, nicht zu hassen und Beziehungen und Brücken aufzubauen. Es wird jedoch niemand gebeten, zu verzeihen. Diese Option muß jede Person für sich selbst wählen. Es wurde auch über die Frage gesprochen, wann Gerechtigkeit in diesen Prozeß einfließen würde. Aber Ian meinte, daß die Gerechtigkeit mit den von den Opfern gestellten Fragen und den durch die Ex-Kämpfer gegebenen Antworten kommen würde. Im Laufe der Workshops kann jede Frage gestellt werden, obgleich das für die Opfer oft sehr schwer ist. Alle erzählten Geschichten sind gleich wichtig und willkommen. Es überrascht nicht, daß die Teilnehmer an den L.I.V.E.-Workshops oft unterschiedlicher Meinung sind, aber es ist nie zu Gewaltausbrüchen gekommen. Oft wird überdeutlich, daß die Identifizierung einer Person entweder nur als Opfer oder nur als Aggressor sehr komplex ist und auf Grenzen stößt.

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