Der Vierte Weltkrieg

Author(s)
Marcela Paz

Männer in Uniform. Und wenn ich sage, dass ich Antimilitarist bin, entgegnen instinktiv viele Leute: „Aber du bist doch eine Frau, du musst doch keinen Wehrdienst leisten.“ Das stimmt, aber Militarismus umfasst viel mehr als militärische Institutionen und Menschen in Uniform. Die militärische Sphäre hat mit dem Lebensstil zu tun, den Menschen annehmen, mit ihrer Art, mit der Welt umzugehen, wie sie soziale Beziehungen sehen und wie effektiv eine Gesellschaft sein kann.

In vielen Bereichen des täglichen Lebens übernehmen wir die militärische Sprache. Wir gedenken den symbolische Jahrestagen, wir benutzen die Namen von Straßen, Plätzen, Schulen usw. Kurz gesagt: Militarismus durchschneidet viele Aspekte des Lebens, einschließlich jener, zu denen das Militär eigentlich nicht durchdringen kann.1

Der Militarismus hat sich gewandelt, damit er auch in Gebieten einziehen kann, die zuvor als nicht militärisch angesehen wurden. Militärische Institutionen haben auf Veränderungen in der Gesellschaft reagiert - einschließlich dem Trend zur Individualisierung, der „Genderfrage“, der Unsicherheit am Arbeitsplatz und allgemein im wirtschaftlichen und sozialen Leben. Der Militarismus hat die Verbindungen zur Zivilgesellschaft, zu den Arbeitnehmern und zur Familie verstärkt.

Dies erklärt sich in der Integration von Frauen in die Armee oder in bestimmte Machtbereiche: Jeder solche „Schritt“ erzeugt viel Publizität in Presse, Radio und Fernsehen. Es wird vorgestellt, dass Frauen in den eigenen Reihen diese Institution demokratischer und moderner machen würden, dass das Militär mit der Gesellschaft als Ganzes in Kontakt stände. Im Kern besteht die Absicht des Militärs darin, Frauen in den Machtorganisationen zu integrieren und eine autoritäre, hierarchische, fremdenfeindliche, frauenfeindliche und uniformierte Logik aufrechtzuerhalten.

Diese Militarisierung könnte man als „soziale Militarisierung“ bezeichnen: Denn jenseits der üblichen „Modernisierung“ der chilenischen Streitkräfte soll auch deren Art und Weise modernisiert werden. Der Militarismus wird als mächtige Präsenz beschrieben, in der die Streitkräfte die Gesellschaft dominieren und einschüchtern. So wird ein neues Verhältnis zwischen ziviler Gesellschaft und militärischer Ordnung gefestigt.

Der Militarismus hat den Krieg zum grundlegenden Organisationsprinzip der Gesellschaft gemacht, in der Politik nur noch Mittel und Vorwand ist. Es ist, wie wenn wir in einem Vierten Weltkrieg leben würden, der sich auf Dauer festsetzt und überall, jederzeit und unter beliebigen Bedingungen die ganze Welt in Frage stellen kann. Ziviler Frieden bedeutet in diesem Sinne nur die Zeit zwischen dem Ende einer Form des Krieges und den Beginn einer anderen Form, des Vierten Weltkriegs.2.

Wir können die Entwicklung der Kriegsphasen wie folgt erkennen:

  • Anfangsphase: Der Erste Weltkrieg (1914-1918) zentrierte sich auf Europa und führte nach einem turbulenten Zwischenspiel direkt zum Zweiten Weltkrieg.

  • Zweite Phase: Der Zweite Weltkrieg 1939-1945, den die deutsche Armee anführte..

  • Phase drei: Der „Kalte Krieg“ oder der „Dritte Weltkrieg“ „wurde davon bestimmt, wie die USA und die UdSSR die jeweiligen Absichten und die Politik des Gegners wahrnahmen und beurteilten... Anstatt die Kriegsbemühungen einzustellen und die Kriegsmaschinerie abzubauen, wurde diese leider weitergeführt, weiter gefördert und gesteigert: An Stelle einer Entwaffnung wurde Frieden durch Aufrüstung angestrebt.“3.

Diese Aufrüstung machte den Weg frei für eine neue Art von globaler Kriegsführung. In ihr werden „neue Elemente eingeführt und in zahlreichen Konflikten mit geringer Intensität gleichzeitig an verschiedenen Fronten rund um den Erdball“4, gekämpft. Es wurde eine Transformation der Verteidigung eingeleitet, die unserem gegenwärtigen Zustand in den Bürgerkrieg führt. In einen Zustand, den wir als den „Vierten Weltkrieg“ bezeichnen.

Wenn wir uns die Zeitrahmen dieser Entwicklung ansehen, so können wir sagen, dass die Konfrontationen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges gekennzeichnet waren vom Einsatz sehr vieler Menschen auf den Schlachtfeldern und vom starken Artillerieaustausch.

Mit dem Beginn des Kalten Krieges ist klar, dass „selbst ein legaler Waffenstillstand“5, nicht das Ende der Kriegshandlungen bedeuten muss. Der Krieg ändert nur zeitweise seine Form. Der Kalte Krieg drückte sich in der Ost-West-Konfrontation und im darauf folgenden Untergang der Sowjetunion aus. „Das Auseinanderbrechen der kommunistischen Regime in Osteuropa und die nachfolgenden territorialen Veränderungen brechen das bipolare Szenario auf, auf dem der Kalte Krieg aufgebaut war.“ 6.

Im Gegensatz dazu findet dieser Vierte Weltkrieg ohne ein fest umrissenes Szenario statt, vielmehr gibt es viele Fronten mit ihren materiellen Elementen: „Krieg entwickelt sich in verbundenen Szenarien, ohne erkennbare Ordnung und ohne sichtbaren Kampflinien.“7.

Der Krieg wird zunehmend entpersönlicht, während er eine unglaublich gesteigerte Vernichtung und Entmenschlichung mit sich bringt. Alles, was die Menschen daran hindert, sich in Konsum- und Kaufmaschinen zu verwandeln, wird dabei als feindlich eingestuft..

Die Menschheit selbst ist zum Feind geworden, „eine biologische Macht im negativsten und schrecklichsten Sinn des Wortes - eine Macht, die direkt über über Leben und Tod entscheidet - es geht nicht nur um den Tod eines Individuums oder einer Gruppe, es geht um die Menschheit selbst und vielleicht auch um den Tod aller Lebewesen.“8.

Innerhalb der neuen aktiven und grundlegenden Natur des Krieges wird es immer schwieriger, zwischen militärischer und polizeilicher Aktivität zu unterscheiden. „Auf diese Weise scheint der Krieg gleichzeitig zwei gegensätzliche Bedeutungen zu haben: Einerseits wird er auf polizeiliche Aktionen reduziert, andererseits steigt er durch seine Technologien der globalen Zerstörung auf eine absolute, allumfassende Ebene auf.“9.

Der große Unterschied zwischen Verteidigung und nationaler Sicherheit liegt darin, wie die Welt dies sieht und interpretiert. Die Verteidigung bezog sich vormals auf den Schutz der Landesgrenzen. Eine begrenzte und isolierte Sichtweise, die weder breit genug noch tief genug war, um alles Notwendige zu unserem Schutz zu umfassen. Größeres wurde gebraucht: Verstärkte Anstrengungen für den Sieg des Kriegsmaschinerie. Die Idee der nationalen Sicherheit wurde mehr auf globaler als auf rein nationaler Ebene gedacht. Die subjektiven Grenzen der Sicherheit wurden tendenziell weiter nach außen verlegt - auf mehr Orte, die ein geografisches größeres Gebiet umfassen. Dieser Gedanke der nationalen Sicherheit erfordert auch ein militärisch vorbereitetes Land, das sich in ständiger Alarmbereitschaft befindet. Dem scheint der Gedanke zugrunde zu liegen, dass eine aktiv gestaltete Welt eine sichere Welt ist. Tatsächlich zeigt unsere Analyse, dass der aktive, gestalterisch eingreifende Charakter des Sicherheitsgedankens bereits in den verschiedenen Transformationen des Krieges auftrat.

Wenn Krieg keine Ausnahmesituation mehr ist, wenn er Teil der normalen Ordnung der Dinge ist, bedeutet dies, dass wir uns bereits in einem permanenten Kriegszustand befinden. Zweifellos bedroht der Krieg weder die bestehende Machtstruktur, noch ist er eine destabilisierende Kraft - im Gegenteil: Er schafft und verstärkt ständig die gegenwärtige Weltordnung.

Eine Entwicklung der Kriege der letzten Jahrzehnte war davon geprägt, dass sich die Kriegsvorbereitung und das Recht auf Kriegsführung tendenziell auf die nationale Sicherheit konzentrierten, wobei die Idee des „inneren Feindes“ betont wird.

Die nationalen Interessen und Verantwortlichkeiten sind wie die Bedrohungen und Kampffronten grenzenlos und global. „Wer über Verteidigung spricht, spricht von einer schützenden Barriere gegen äußere Bedrohungen. Im Gegensatz dazu rechtfertigen diejenigen, die von Sicherheit sprechen, eine konstante Aktivität auf nationaler und internationaler Ebene.“10.

Konsequenterweise „muss die Nation und die nationale Verteidigung in einem Zustand der permanenten militärischen Vorbereitung sein: Krieg ist nicht mehr eine militärische Tatsache an sich, mehr ist es ein sich ständig entwickelndes Phänomen“,11,

Es wird als selbstverständlich angesehen, dass das Sicherheitsniveau eines Landes in direktem Zusammenhang mit dem Umfang seiner Waffen steht. Je mehr Waffen und Waffensysteme man hat, desto größer ist die eigene Sicherheit in einer Welt, in der potentielle Angreifer leben. Diese Annahme ist höchst gefährlich und widersprüchlich.

Erstens, weil Sicherheit hier nur quantitativ definiert wird - also als Fähigkeit, Schaden zu verursachen und sich militärisch zu verteidigen. Zweitens, weil die verheerenden Fähigkeiten heutiger Waffensysteme Verteidigung und Sicherheit unmöglich machen. Niemand kann Atomwaffen aufhalten. Die einzige Verteidigung, die aktuelle Systeme vorsehen, ist die Rache. Man nennt es die Doktrin vom 'Gleichgewicht des Schreckens' (MAD, 'Mutually assured destruction'). Das heißt, wenn eine Macht mit ihren Atomwaffen angreift, ist die andere nicht in der Lage, ihre eigene Verteidigung und ihr eigenes Überleben zu sichern. Allerdings kann sie bei der angreifenden Macht eine entsprechende Zerstörung auslösen. Unsere Sicherheit ist das Wissen: Wenn eine Atombombe auf uns geworfen wird, werden die anderen das gleiche Schicksal erleiden. Mit anderen Worten: Sicherheit gibt es nicht. Wir müssen kategorisch die Falschheit dieser Begriffe und Hypothesen aufzeigen. Was bedeuten Wörter wie Verteidigung und Sicherheit heute? Wir müssen die Schwächen des aktuellen Konzeptes aufdecken und um so mehr zeigen, dass das komplette Gegenteil wahr ist. Dank unserer Verteidigungs- und Sicherheitssysteme leben wir in einer nie zuvor gekannten großen Unsicherheit. Das heißt: Mit immer höher entwickelten und gefährlicheren Waffen, mit ihrer ständig steigenden Qualität und Schlagkraft, sinkt das Sicherheitsniveau weiter - anstatt sich zu verbessern. Zusätzlich ist die Produktion selbst, die Entwicklung und Lagerung von Waffen kontraproduktiv für die Sicherheit. Heute kann die Existenz von immer mehr Atomwaffen die Sicherheit nur verschlechtern.“12.

Angesichts dieses entmutigenden Szenarios gibt es anhaltenden Widerstand. Eine Vorherrschaft kann niemals vollständig sein - egal, wie viele Dimensionen sie auch abdeckt. Solange Antimilitaristen es wagen, diese etablierte Ordnung in Frage zu stellen, wird es immer Widerstand geben. Dieser Widerstand demaskiert die Militarisierungsprozesse, die uns in Schach halten, uns beherrschen und disziplinieren.

Jeder ist eingeladen zu handeln, etwas zu tun, etwas zu schaffen, kritisches Denken mit transformativen Zielen zu entwickeln und auszuarbeiten. Wenn wir dies in die Praxis umsetzen, können wir die etablierten Strukturen auflösen und auch all das, was uns daran hindert, weiter voranzukommen.

1 Ein Beispiel von vielen sind die Kultur- und Konsumbeispiele der Modetrends, in denen manchmal militaristischer Einfluss erkennbar ist (Preußen, Sowjetunion, usw.).

2 Rede von Subcomandante Marcos zur „International Civil Commission on Human Rights“ im November 1999.

3 LEDERACH, John. El abecé de la paz y los conflictos. Madrid. Catarata. 2000. 120p.

4 HARDT, M. NEGRI, A. Multitud: Guerra y democracia en la era del Imperio. Argentina. Debate. 2004. 46p.

5 HARDT, M. NEGRI, A. Multitud: Guerra y democracia en la era del Imperio. Argentina. Debate. 2004. 62p.

6 SAEZ, Pedro. Guerra y paz en el comienzo del siglo XXI. 2º Edición. Madrid. Centro de investigación para la paz. 2002. 63p.

7 i.b.

8 HARDT, M. NEGRI, A. Multitud: Guerra y democracia en la era del Imperio. Argentina. Debate. 2004. 40p.

9 Op. Cit 41p.

10 HARDT, M. NEGRI, A. Multitud: Guerra y democracia en la era del Imperio. Argentina. Debate. 2004. 43p.

11 LEDERACH, John. El abecé de la paz y los conflictos. Madrid. Catarata. 2000. 119p.

12 Op.Cit 133p.

 

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