
WRI homepage > Publikationen > das zerbrochene Gewehr > Nr.75, September 2007 > PDF-version
Schau auf die Geschichte deines Landes, und du wirst Ereignisse mit gewaltfreier Aktion finden -- Demonstrationen, Streiks, Boykotts oder andere verbreitete Formen der Nicht-Zusammenarbeit. Die Gründe werden variieren: für die Rechte von Arbeitern und Bauern, Freiheit für Sklaven, das Wahlrecht für Frauen oder Menschen ohne Vermögen, für Gleichheit von Rassen, Geschlechtern, für die Freiheit vor einer Besatzung -- in Kürze zu einer Kette von Formen von Ungerechtigkeit und Herrschaft. Doch erst im 20. Jahrhundert -- und insbesondere mit den Kampagnen von Gandhi in Südafrika und Indien -- diskutierten Bewegungen gewaltfreie Aktion als bewusste Strategie für soziale Veränderung. Gandhi war überzeugt, dass Gewaltfreiheit eine besondere Kraft hätte -- sowohl in ihren Wirkungen auf die Menschen, die an einer Aktion trugen wie auf diejenigen, auf die hin die Aktion gerichtet war. Er sah, dass soziale Solidarität Bemühungen zu herrschen, auszubeuten oder eine Bevölkerung in anderer Weise zu unterdrücken, überwinden kann. Es reicht nicht aus, sich einem Gegner entgegen zu stellen, ihn für alles zu tadeln, sondern die Menschen müssen auf ihre eigene Verantwortungspunkte und ihr eigenes Verhalten schauen -- Freiheit und Gerechtigkeit sind nicht nur zu fordern, sondern zu praktizieren, und müssen die Grundlage sein, auf der eine Bewegung sich aufbaut.
Die meisten TeilnehmerInnen an den von Gandhi angestoßenen Kampagnen teilten nur einige seiner Prinzipien -- sie waren bereit, Gewaltfreiheit zu gebrauchen, um Indien von der britischen Kolonialherrschaft zu befreien, aber wenige hatten Gandhis äußerste Verpflichtung zur Gewaltfreiheit als einen Lebensweg. Und in der Tat gaben die meisten konventionellen politischen FührerInnen dem konstruktiven Programm nur symbolische Bedeutung. Dieses Muster ist oft wiederholt worden: gewaltfreie Aktion war wirksam, wenn sie von breiten Bewegungen getragen wurde, wo die meisten TeilnehmerInnen Gewaltfreiheit in der Praxis als die angemessene Strategie für ihre Situation akzeptieren, aber nur eine Minderheit drückt eine philosophische Verpflichtung aus. Der Stil der Gewaltfreiheit ändert sich stark je nach den Rahmenbedingungen. Seit der Begriff "Volksmacht" geprägt wurde, als 1986 das Marcos-Regime auf den Philippinen gestürzt wurde, und besonders seit dem Sturz von Milosevic in Serbien im Jahre 2000 haben einige BeobachterInnen von einer "Aktionsschablone" gesprochen, was bedeutet, vom Volk ausgehende gewaltfreie Aktion überwältigt ein korruptes und autoritäres Regim, das versucht, Wahlen durch Betrug zu gewinnen. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Sturz von Milosevic und "Volksmacht"-Episoden anderswo. Wirklich haben einige der SerbInnen, die so kreativ Gewaltfreiheit gegen Milosevic einsetzten, nun angefangen, diese anderen Bewegungen zu trainieren. Doch müssen die Bewegungen in jeder Situation ihre eigene Analyse dessen machen, was angemessen ist und was wirken wird.
Viele Menschen sind skeptisch inbezug auf die Macht von Gewaltfreiheit gegen fest eingewurzelte und brutale Regimes. In solchen Situationen ist wahrscheinlich jeder Widerstand schwierig. Gewaltfreiheit bietet keine schnellen Patentlösungen in solchen Situationen an -- genau so wenig wie bewaffneter Kampf. Einige idealistische Bewegungen sind zum bewaffneten Kampf übergegangen und fanden sich selbst in wachsender Trennung von der Bevölkerung, waren von Erpressungen und Entführungen abhängig, um sich zu erhalten, und degenerierten bald zu bewaffneten Banden. Gewaltfreiheit zielt darauf ab, anders zu arbeiten. Indem sie die sozialen Räume ausdehnt, die eine Bewegung besetzen kann und indem sie demjenigen eine Stimme gibt, was nach der Meinung des Regimes nicht gesagt werden sollte, kann sie Prozesse fundamentalen Wandels in Bewegung setzen. Gewaltfreie Aktion angesichts von Folter, Fällen von Verschwindenlassens und Todesschwadronen in verschiedenen Teilen Lateinamerikas in den 1970-er und 80-er Jahren zielte darauf ab, eine soziale Solidarität wieder aufzubauen, die die Furcht überwinden konnte.
Weil PazifistInnen sich weigern, zu organisierter Gewalt Zuflucht zu nehmen, müssen wir unsere kreative Energie in den Versuch investieren, gewaltfreie Alternativen zu entwickeln. Daher haben PazifistInnen eine Geschichte darin, eine wesentlich innovatorische Rolle in sozialen Bewegungen zu spielen, indem sie gewaltfreie Aktionsmethoden entwickeln, sowohl auf der Ebene von Taktiken wie in Organisationsformen. Zum Beispiel waren die ersten "Freiheitsritte" in den USA gegen Rassentrennungen in den 1940-ern eine pazifistische Initiative, ebenso wie die britische gewaltfreie direkte Aktion gegen Atomwaffen in den 1950-ern. Der kreative Gebrauch von Gewaltfreiheit bei diesen Gruppen öffnete Räume für einen sehr viel weiter verbreiteten Gebrauch von Gewaltfreiheit durch die Massenbewegungen, die folgten. Später kam die Einführung von Trainings in Gewaltfreiheit, anfangs als Vorbereitung der Menschen für die Art von Gewalt, auf die sie bei gewaltfreien Protesten stoßen könnten. In der Folge hat Training in Gewaltfreiheit eine wesentliche Rolle bei der Förderung mehr partizipativer Formen von Bewegungsorganisation gespielt. Gandhi und Martin Luther King wurden solche Leuchtturmfiguren innerhalb ihrer eigenen Bewegungen, dass einige Menschen den Eindruck haben, erfolgreiche Gewaltfreiheit hänge von "charismatischen" Führungspersönlichkeiten ab. Für uns in der WRI jedoch sollte gewaltfreie Aktion gesehen werden als eine Quelle sozialer Ermächtigung -- sie stärkt die Kapazitäten aller TeilnehmerInnen, ohne von übermenschlichen FührerInnen abzuhängen. Deshalb haben wir uns für mehr partizipatorische Formen von Entscheidungsfindung eingesetzt, die Annahme von Organisationsformen auf der Basis von Menschen, die sich in "Bezugsgruppen" gliedern, gefördert, und gewaltfreies Training ausgeweitet, so dass es Werkzeuge für die Einschätzung der Teilhabe und die Entwicklung der Strategien einschließt. Wir argumentieren, dass die spezifischen Kräfte gewaltfreier Strategien bei jeder Zufluchtnahme zu Gewalt beschädigt werden. Diese schließen Kräfte innerhalb der Bewegung ein -- indem wir Vertrauen und Solidarität unter den TeilnehmerInnen in einer Aktion fördern, indem wir sie in Berührung mit Quellen ihrer eigenen Kraft, bringen, um in einer Situation zu handeln. Diese Kräfte schließen auch die Beziehung einer Bewegung zu ihren GegnerInnen ein -- indem sie ihre Gewalt hemmen oder zumindest sicherstellen, dass gewalttätige Repression politisch auf sie zurückschlägt, und indem sie die "Säulen der Gewalt" einer unterdrückerischen Institution unterminiert, indem sie ihre Angestellten nicht als leblose Werkzeuge behandelt, sondern eher versucht, für sie Möglichkeiten zu schaffen, ihre Loyalitäten zu überdenken. Und schließlich schließen diese Kräfte die Qualität der Kommunikation mit abseits Stehenden oder "Outsidern" ein -- Menschen, die noch nicht betroffen sind von der Sache oder noch nicht aktiv darin, Menschen, die potentielle Verbündete sein können.
Howard Clark
Vorsitzender der WRI
Ressourcen zu liefern, um unser Verständnis von Gewaltfreiheit, von gewaltfreien Strategien und gewaltfreien Kampagnen zu stärken und zu vertiefen, ist eines der Hauptziele des Programms Gewaltfreiheit.
Mit diesem "Zerbrochenen Gewehr" geben wir euch einen Geschmack dessen, was ihr im Handbuch für Gewaltfreie Aktion finden werdet, das bald von der War Resisters' International veröffentlicht werden wird. Das Handbuch hat Werkzeuge darüber, wie gewaltfreie Kampagnen und Aktionen zu entwickeln sind, mit verschiedenen Quellen und Geschichten über internationale Erfahrungen gewaltfreier Aktion
Da Training eine wichtige Rolle für erfolgreiche Aktionen spielt, schließt das Handbuch Übungen ein, um einer Gruppe durch verschiedene Lernprozesse zu helfen. Das Handbuch hebt die Bedeutung von Aktionen als Teil längerfristiger gewaltfreier Kampagnen hervor.
Wie Joanne Sheehan in ihrem Artikel über die Entwicklung strategischer gewaltfreier Kampagnen sagt, ist "eine Kampagne mehr als Projekte, die zusammengeführt werden oder als dasselbe immer noch einmal zu machen. Eine Kampagne ist nicht einfach eine Angelegenheit, bei der man ein Problem identifiziert und eine Taktik verwendet, um es anzugehen -- so wie eine 'Flugblattkampagne' oder eine 'Kampagne zivilen Ungehorsams'. Die Macht einer gewaltfreien Kampagne kommt aus der kreativen Kombination von Taktiken, dem strategischen Denken und Engagement der TeilnehmerInnen."
Das Handbuch wird zwei Versionen haben: eine gedruckte, die wir hoffentlich so zugänglich wie möglich machen, und eine Web-Version, die ihr uns hoffentlich helfen werdet zu aktualisieren. Ihr könnt schon die Entwurfsversion finden auf der Seite: http://wri-irg.org/wiki/index.php/Nonviolence_Handbook.
Wir hoffen, dass sowohl das "Zerbrochene Gewehr" wie das Handbuch für Gewaltfreie Aktion zu Quellen werden, die vom WRI-Netzwerk und der breiteren gewaltfreien Bewegung benutzt werden und dazu beitragen werden, dass Gewaltfreiheit eine große Rolle im Kampf für sozialen Wandel spielt.
Javier Gárate
War Resisters' International
5 Caledonian Rd London N1 9DX
Grossbritannien
Tel +44-20-7278 4040
info@wri-irg.org http://wri-irg.org
Gewaltfreie Aktionen werden (oft) auf der Basis von Bezugsgruppen, autonomen Gruppen von 5-15 Leuten organisiert, die sich vertrauen und aufeinander verlassen.
Entscheidungsfindung durch Konsens unterscheidet sich gewaltig von Entscheidungsfindung durch Mehrheit. Während die Entscheidungsfindung durch Mehrheit oft zu Machtkämpfen zwischen den unterschiedlichen Lösungen führt, zielt die Entscheidungsfindung durch Konsens darauf ab, die Bedenken aller einzu- beziehen, wobei oft eine vorgeschlagene Lösung mehrere Male während des Prozesses geändert wird.
Diese Art der Entscheidungsfindung basiert auf Zuhören und Respekt und der Teilnahme aller.
Konsens bedeutet nicht unbedingt, dass alle 100 % zustimmen -- während das optimal wäre, ist das in der Praxis oft nicht der Fall. Es ist deshalb wichtig, dass jeder in der Gruppe sich der unterschiedlichen Grade der Befürwortung oder Nicht-Befürwortung bewußt ist, die einem bestimmten Vorschlag zugeteilt werden können.
Keine Befürwortung: "Ich sehe nicht, dass das nötig ist, aber ich werde dabei mitmachen."
Beiseite treten: "Ich persönlich kann das nicht tun, aber ich werde niemanden davon abhalten." Die Person, die beiseite tritt, ist für die Konsequenzen nicht verantwortlich. Das sollte in den Protokollen festgehalten werden.
Veto/schwerwiegender Einwand: Ein einzelnes Veto/schwerwiegender Einwand verhindern, dass der Vorschlag durchgeht. Ein schwerwiegenden Einwand bedeutet, dass Sie mit dem Vorschlag nicht leben können. Der Vorschlag ist für Sie/die von Ihnen vertretenen Personen so unakzeptabel, dass Sie ihn stoppen werden. Es bedeutet nicht "Das gefällt mir nicht" oder "Mir haben die anderen Ideen besser gefallen." Es bedeutet "Ich kann mit diesem Vorschlag nicht leben, wenn er durchgeht, aus diesen und jenen Gründen!" Die Gruppe kann das Veto entweder akzeptieren oder das Thema weiter diskutieren und neue Vorschläge ausarbeiten. Das Veto ist ein mächtiges Werkzeug und sollte deshalb mit Vorsicht benutzt werden.
Vereinbarung zur Nichtvereinbarung: die Gruppe entscheidet, dass zu diesem Thema keine Vereinbarung getroffen werden kann.
Eine Kampagne ist eine zusammenhängende Reihe von Aktivitäten und Aktionen innerhalb eines bestimmten Zeitraums, mit Hilfe derer spezifische im Voraus festgelegte Ziele erreicht werden sollen. Kampagnen werden von einer Gruppe Menschen mit gemeinsamer Einschätzung und Vision ins Leben gerufen, die die Ziele festlegen sowie den Prozess von Recherche, Bildung und Training einleiten, der die Zahl der TeilnehmerInnen, die sich in die Aktivitäten und Aktionen einbringen, erhöht und festigt.
Demonstrationen allein reichen nicht aus, um einen bestimmten Krieg zu beenden oder eine tief verwurzelte Ungerechtigkeit zu beseitigen. Angesichts der Entsetzlichkeiten der Welt ist es leicht, zur gewaltfreien Entsprechung des ziellosen Losschlagens zu greifen: direkt in die Aktion oder Aktivität überzugehen, ohne Vergangenes mit einzubeziehen oder vorauszublicken. Allzu oft wählen Gruppen direkt eine Aktionsform aus, sobald sie ein Problem erkannt haben, oder aber wir lähmen uns durch ewige Analyse, bei der wir uns und andere weiterbilden, aber nie zur Aktion übergehen und so nie unsere Ziele erreichen. Die Stärke einer gewaltfreien Kampagne liegt in der kreativen Kombination von zielgerichtetem Vorgehen, strategischem Denken und dem Engagement der Beteiligten.
Egal ob eine klares Bekenntnis zu Gewaltfreiheit vorliegt oder nicht -- die ersten Schritte bei Kampagnen sind in der Regel die gleichen. Um planvoll vorzugehen, müssen alle OrganisatorInnen der Kampagnen durch Recherche Informationen sammeln, an Bildungs- und Trainingsprogrammen teilnehmen und eine Strategie entwickeln, die eine Vielzahl von Vorgehensweisen enthält, um ihr Ziel zu erreichen. Was ist also einzigartig an einer „gewaltfreien Kampagne"? Es ist sicherlich mehr als das bloße Fehlen von Gewalt.
Zahlreiche Organisationen, Kampagnen und leitende Personen gewaltfreier Bewegungen formulieren ihre Perspektive in einer Erklärung ihrer gewaltfreien Prinzipien. Die Prinzipienerklärung von War Resisters' International beschreibt, was mit unserem Eintreten für Gewaltfreiheit gemeint ist:
„Gewaltfreiheit kann aktiven Widerstand, einschließlich Zivilen Ungehorsams, mit Dialog verbinden; sie kann Nichtzusammenarbeit -- den Entzug der Unterstützung für ein unterdrückerisches System -- mit der konstruktiven Arbeit des Aufbaus von Alternativen verbinden.
Als eine Art, sich in einem Konflikt zu engagieren, stellt Gewaltfreiheit manchmal den Versuch dar, auch Versöhnung zu bringen: Stärkung der sozialen Strukturen, Stärkung derjenigen am Boden der Gesellschaft, und Einbeziehung von Menschen verschiedener Seiten in die Suche nach einer Lösung. Auch wenn solche Ziele nicht sofort verwirklicht werden können, sind wir durch unsere Gewaltfreiheit fest entschlossen, nicht andere Menschen zu vernichten."
Als ich einen Text über gewaltfreie Kampagnen für das WRI-„Handbuch für Gewaltfreie Aktion" geschrieben habe, bin ich auf viele verschiedene Beschreibungen gewaltfreier Kampagnen gestoßen, die meist aus einer Mischung von gewaltfreien Prinzipien und allgemein üblichen Strategien bestehen. In der folgenden Liste sollen diejenigen Eckpunkte herausgestellt werden, die einzigartig für gewaltfreie Kampagnen sind. Während einzelne davon auch in nicht-gewaltfreien Initiativen gefunden werden können, machen diese Prinzipien in ihrer Gesamtheit gewaltfreie Kampagnen aus.
Wir erkennen den Wert jeder Person an. Dieses Bekenntnis zur eigenen und fremden Würde und Menschlichkeit ist ein fundamentaler Grundsatz. Wir weigern uns, die Gegenseite als Feinde zu misshandeln.
Wir erkennen an, dass alle an der Wahrheit teilhaben; keineR hat sie für sich gepachtet. KeineR hat vollkommen „recht" oder „unrecht".
Unsere Aktionen sind offen für alle -- es gibt keine Beschränkungen hinsichtlich Geschlecht, Alter, Fähigkeiten usw. Wir müssen darauf achten, dass wir für die volle Beteiligung aller offen sind und nicht die gesellschaftlichen Diskriminierungen widerspiegeln. Wir nehmen Leiden hin, aber fügen anderen keines zu. Die Hinnahme eigener Leiden ist ein Prinzip, das auf der Wertschätzung jeder Person beruht, und eine Strategie, mit der die Aufmerksamkeit auf unser Engagement und unser Anliegen gelenkt wird. Wir werden bei Angriffen nicht gewaltsam zurückschlagen. Wir wissen, dass Gefängnishaft eine mögliche Folge unserer Aktionen ist, wobei das gezielte Füllen der Gefängnisse eine Strategie sein kann.
Unsere Mittel (Verhalten, Aktionsformen) entsprechen unseren Zielen (der Bejahung des Lebens, dem Widerstand gegen Unterdrückung, dem Streben nach Gerechtigkeit und der Wertschätzung aller Menschen). Unser Vorgehen muss diesem Grundsatz folgen; wir können keinen „Sieg" rechtfertigen, der durch Gewalt, Zwang oder Menschenverachtung erlangt worden ist.
Da wir an die verändernde Kraft der Gewaltfreiheit glauben, ziehen wir Überzeugung dem Zwang vor. Wir arbeiten auf Lösungen hin, bei denen es am Ende keine VerliererInnen gibt, sondern alle Beteiligten gewonnen haben. Die Kombination von Respekt für die Menschenrechte der Gegenseite und dem Protest gegen ihre Verletzung unserer Rechte kann sie zur Veränderung bewegen. In unseren Aktionen betonen wir Offenheit, um Kommunikation und demokratische Prozesse zu vermitteln. Wir arbeiten darauf hin, „gemeinsame Macht", nicht „Macht über andere" auszudrücken. Wichtig ist die Stärkung aller an der Kampagne Beteiligten. Wir fördern nach Innen und nach Außen hin demokratische Strukturen, um ein möglichst großes Maß an Selbstbestimmung zu erreichen.
Wir erhalten die Regel aufrecht, uns vor dem Beginn von Aktionen auf Richtlinien und Vorbereitungen zu einigen. Unter Rückgriff auf den „Code of Discipline", den Gandhi in den 1930ern niedergeschrieben hat, haben viele Kampagnen „Richtlinien der Gewaltfreiheit" entwickelt, denen alle TeilnehmerInnen zustimmen sollten. Um deren Einhaltung sicherzustellen, werden die Beteiligten ermuntert, bei gewaltfreien Trainings oder Aktionseinführungen mitzumachen.
„Gewaltfreie Richtlinien" sind nicht identisch mit gewaltfreien Prinzipien, sondern Übereinkünfte, wie sich die TeilnehmerInnen bei einer Aktion verhalten. Sie können entweder in sehr praktischen Begriffen („Wir werden keine Waffen tragen") oder in eher philosophischen Wendungen („Wir werden uns in einer Weise versammeln, die die Welt, die wir erschaffen wollen, widerspiegelt") verfasst sein.
In jeder gewaltfreien Kampagne gibt es Menschen, die sich der Gewaltfreiheit in unterschiedlichem Maße verpflichtet fühlen. Gewaltfreie Richtlinien machen die Erwartungen klar und bestimmen einen gewaltfreien Charakter für die Aktion. Im Verlauf einer Aktion kann die Stimmung einer Menschenmenge leicht in die Richtung von Beschimpfungen oder sogar Gewaltausübung kippen. Agents provocateurs könnten versuchen, die Gruppe zu diskreditieren, indem sie Leute zu Gewalttätigkeiten drängen. Gewaltfreie Abmachungen und Trainings können es einer großen Zahl Menschen ermöglichen, gewaltfrei an einer Kampagne teilzunehmen, auch wenn sie auf diesem Gebiet wenig Erfahrung haben. Unabhängig davon, wie stark sich die OrganisatorInnen den Prinzipien gewaltfreier Aktion verpflichtet fühlen und wie gut die Kampagnenstrategie organisiert ist, ist für den Erfolg der gewaltfreien Kampagne von zentraler Bedeutung, dass die TeilnehmerInnen der Demonstrationen und der Aktionen zivilen Ungehorsams die Prinzipien der Gewaltfreiheit reflektieren können.
Eine gewaltfreie Kampagne nimmt Menschen durch Stärkungsprozesse für sich ein. Sie sollte eine persönliche Stärkung beinhalten, indem Menschen ihre eigene Macht entdecken und ausüben, um gegen Unterdrückung, Zwang und Gewalt sowie für Mitsprache, Frieden und Menschenrechte einzutreten. In einer Kampagne arbeitende Gruppen entwickeln eine kollektive Stärke, indem sie sich in dem Prozess die Fähigkeiten des Organisierens und der Strategieentwicklung aneignen. Mithilfe verschiedenartiger Kampagnen können wir uns einer sozialen Stärkung annähern und damit auch der gesellschaftlichen Veränderung, auf die wir hinarbeiten. Bei unserem Training und unserer Planung müssen wir alle Aspekte dieses gewaltfreien sozialen Stärkungsprozesses mit in Betracht ziehen: Stärkung der Einzelnen, Stärkung von Gruppen und der gesamten Gemeinschaft.
Joanne Sheehan
Brainstorming ist eine Gruppentechnik, um eine große Anzahl von Ideen in einer begrenzten Zeitspanne zu erzeugen. Die meisten von uns haben wahrscheinlich Brainstorming in ihrer politi- schen Arbeit angewendet, um Beschreibungen (d.h. Was ist Gewaltfreiheit?) zu entwickeln oder Fragen (d.h. Welche Taktiken würden uns beim Erreichen unserer Ziele helfen?) mit so vielen Ideen wie möglich zu beantworten. Es ist ein gutes Werkzeug für Treffen und Gewaltfreiheitstraining, da die Leute durch den Fluss von Antworten angespornt werden. Es hilft auch dabei, auf mehr Stimmen innerhalb der Gruppe zu hören.
Hier folgen 4 Empfehlungen für eine Brainstorming Session:
Das Thema dieses Zerbrochenen Gewehrs aufgreifend, haben wir ein elektronisches Brainstorming über die WRI-Liste durchgeführt. Wir stellten die folgende Frage:
"Warum ist es wichtig, dass Protestgruppen gewaltfreie Methoden zu ihrer Strategie wählen?"
Hier sind die eingegangenen Antworten:
Wenn man mit einer Gruppe eine Brainstorming-Session macht, wenn alle Ideen an der Wand hängen, fragt man, ob es darunter Ideen gibt, zu denen Fragen bestehen oder denen man nicht zustimmen kann. Geben Sie sie zur Diskussion frei. Während einer Brainstorming-Session muss man keinen Konsenz finden. (Während einer Trainings-Session versucht man nicht, zu einer Definition zu kommen, um die Frage "Was ist Gewaltfreiheit?" zu beantworten.) Sie können auch die Antworten für weitere Diskussionen sortieren. (Das Brainstorming gab der Gruppe eine Menge Taktiken, jetzt müssen Sie die besten auswählen. Sie können das folgendermaßen bewerkstelligen: eine "Matrix" anfertigen, die Taktiken auf einer Seite auflisten / die Ziele oben und dann die Taktik mit einem positiven (+), einem negativen (-) oder neutralen (0) Zeichen markieren, im Hinblick auf das Erreichen des Aktionsziels.)
Nach dem Zusammentragen der unterschiedlichen Antworten aus dem Brainstorming können Sie diese in Kategorien einteilen, damit Sie einige der Hauptthemen identifizieren können. So können wir z. B. in diesem Brainstorming einige Gründe für das Wählen gewaltfreier Methoden feststelllen.
Als Prinzip: Eine friedliche und gerechte Welt kann nur mit friedlichen Mitteln erreicht werden.
Wirksamkeit: Gewaltfreiheit hat sich in vielen Fällen als effektiv erwiesen; Gewalt hat fast immer zu noch mehr Gewalt geführt.
Respekt gegenüber anderen: Respekt gegenüber dem Leben, Ihren Gegnern und Ihrer eigenen Gruppe.
Gruppenprozess: Heißt alle Stimmen und deren aktive Teilnahme willkommen.
Unabhängigkeit: Arbeiten nach unseren eigenen Bedinungen nicht für die Macht von anderen.
Nach dem Identifizieren der Hauptthemen können Sie andere Werkzeuge nutzen, um diese tiefer zu analysieren, z. B. "die Säulen der Macht", die in diesem Zerbrochenen Gewehr vorgestellt werden. Wir ermutigen Sie, Brainstorming in Ihren Kampagnen zu benutzen. In den meisten Fällen werden Sie nützliche Ideen bekommen, wenn Sie jedem die Chance geben, daran teilzunehmen und Spaß zu haben!
In ein umgekehrtes Dreieck, das von Säulen getragen wird, wird das Problem (z. B. „Krieg") geschrieben. Die Gruppe soll nun die Institutionen beschreiben, die das Problem unterstützen (also das Militär, Konzerne, Regierungspolitik, Unterstützung durch die Bevölkerung, Medienkonzerne usw.), und die dem System zugrunde liegenden Prinzipien benennen (also Rassismus, Sexismus, Gier, Lügen usw.).
In einem zweiten Schritt wird ein neues Dreieck auf Säulen gezeichnet, wobei dieses Mal eine der zuvor stützenden Institutionen in das Dreieck kommt und erneut herausgearbeitet wird, was wiederum diese Einrichtung stützt. Dabei sollte für das Dreieck diejenige Institution gewählt werden, auf deren Beseitigung die eigene Organisation am wahrschein- lichsten hinarbeiten würde.
(30 Min.) 10/10-Strategien: Diese Übung vermittelt den Teilnehmenden Wissen über die reiche Geschichte gewaltfreier Kampagnen sowie ein besseres Verständnis von Kampagnen, Taktik und Bewegungen.
Bildet Kleingruppen von 5 bis 6 Personen. In jeder Gruppe schreibt einE TeilnehmerIn die Zahlen von 1 bis 10 auf ein Blatt Papier. Im Gegensatz zu unserem üblichen gemeinschaftlichen Vorgehen „wetteifern" die Grup- pen darum, als erste fertig zu sein. Jede Gruppe muss so schnell wie möglich 10 Kriege auflisten und die Hände heben, sobald sie fertig ist. Die Trainingsleitung notiert die benötigte Zeit. Als nächstes werden die Gruppen aufgefordert, 10 gewaltfreie Kampagnen aufzulisten und daraufhin erneut die Hände zu heben. Beachtenswert ist, wie viel länger die Auflistung der Kampagnen als die der Kriege dauert (was jetzt hier nicht weiter Thema sein soll). Als erstes wird die Liste der „Sieger"-Gruppe auf eine Tafel geschrieben und dann durch die anderen Gruppen ergänzt. Vermutlich wird es sich bei der Aufzählung um eine Mischung aus Bewegungen, Strategien, Kampagnen usw. handeln. Die Liste wird nun benutzt, um die Unterschiede zu erklären, damit die TeilnehmerInnen mehr über strategische Prozesse und die Entwicklung effektiver Strategien erfahren. Beispielsweise kann die Liste „Bürgerrechte" (also die Bewegung für Bürgerrechte), „Nashville" (eine Kampagne) und „Sit-ins" (eine Aktionsform) enthalten. Mithilfe der Liste können unter Einbeziehung der TeilnehmerInnen Bestandteile von Kampagnen beschrieben, Strategien erkannt und die Merkmale einer Bewegung herausgearbeitet werden. Eine gut bekannte Kampagne kann als Fallstudie benutzt werden, um die strategische Entwicklung gewaltfreier Kam- pagnen zu vermitteln.
Zeit: 30 Minuten für die gesamte Übung sind ausreichend.
Das Konzept des "gewaltfreien Kampfes" wird noch nicht so lange in den koreanischen sozialen Bewegungen verwendet.
Immer noch haben viele Leute in den sozialen Bewegungen ein schlechtes Gefühl gegenüber diesem Konzept. Sie erachten "Gewaltfreiheit" als schwache, passive-Kampfart, aber nicht eine des Widerstands. Diese Wahrnehmung scheint aus der etwas einzigartigen Geschichte zu kommen, die viele Koreaner erlebt haben.
Nach der japanischen Kolonialzeit und dem Koreakrieg herrschte in Südkorea mehr als 30 Jahre lang ein autoritäres Militärregime. Während der Zeit strebten die Leute stark nach Freiheit und Demokratie und viele begannen, gegen die koreanische Regierung Widerstand zu leisten.
Die koreanische Regierung antwortete darauf mit Terror, indem sie ihre Streitkräfte mobilisierte. Unter diesen Umständen wurde es als normal erachtet, dass die Leute sich gewalttätig der Regierung widersetzten. Sie haben sich auch bewaffnet und nannten ihre Gewalt "Widerstandsgewalt".
Heutzutage wendet der Staat immer noch regelmäßig Gewalt gegen seine Leute an, besonders durch Verletzung der Menschenrechte durch die Polizei bei Demonstrationen. Viele Aktivisten denken, es gäbe keinen anderen Weg als "gewalttätiger Kampf" und dass "gewaltfreier Kampf" keine effektive Taktik sei.
Dennoch wird "gewaltfreier Kampf" unter einigen Arbeitsgruppen in Korea akzeptiert, genauso wie "Friede" und "Gewaltfreiheit". "Gewaltfreie Art des Kampfes" hatte einen Einfluss auf die Menschen, die dem gewaltvollen Widerstand nicht zustimmen.
Es gab eine Art gewaltfreien Widerstands seit 1980, wie die Ablehnung der Studenten, gegen den Norden an der vordersten Front zu stehen, die Erklärung der Soldaten und Kampfpolizei, die die ganze Gewalt während ihres Wehrdienstes enthüllt und die zivile Ablehnung des Verhörs durch Polizeistreifen.
Aber das Konzept der "Gewaltfreiheit" in diesen Zusammenhängen war eher nur ein Mittel zum Widerstand.
Man sagt, dass in der koreanischen Gesellschaft die Wehrdienstverweigerer die ersten ernsthaften Pazifisten waren, die Gewaltfreiheit als Lebensphilosophie hatten. Die Verweigerer haben das Recht verteidigt, sich unvernünftigen Befehlen des Staates zu verweigern, wo Nationalismus und Militarismus vorherrschen, und sie haben an das Gute im Menschen appelliert, grundsätzlich über Militär, Waffen und Krieg nachzudenken. Die Leute waren tief bewegt, als sie sahen, dass Verweigerer bereit waren, eher 18 Monate ins Gefängnis zu gehen, als zu den Waffen zu greifen. Die Bedeutung der Leistung der Verweigerer wurde ihnen bewußt als sie die durch USA und Israel verursachten fortdauernden Kriege sahen.
Die Arbeitsgruppe für Verweigerer in Korea konzentriert sich jetzt darauf, Unterstützung (wie rechtliche und psychologische Beratung) den Menschen zu geben, die sich auf die Verweigerung vorbereiten. Sie wollen auch den Leuten die Bedeutung der Verweigerung durch eine Reihe von Aktivitäten, wie Pressekonferenzen, Foren, Kampagnen und direkte Aktionen bewußt machen. Die Anzahl der Verweigerer in Korea ist noch gering und die Bestrafung, die sie erwartet, ist übermäßig. Deshalb ist es sehr wichtig, sie ständig zu unterstützen, damit sie sich nicht isoliert fühlen.
Unter dem Einfluß der Bewegung der Kriegsdienstverweigerer übernehmen jetzt viele alternative Gruppen den gewaltfreien Pazifismus als prinzipielle Philosophie ihres Kampfes. Diese Gruppen spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Ausbau der US-Basis in Pyeongtaek. Sie nutzen ihre kreative Vorstellungskraft, um diverse Taktiken und gewaltfreie Direktaktionen zu entwickeln -- das stellt einen erstaunlichen Kontrast zu den vorherigen Arten des Kampfes dar.
Diese "neuen" Arbeitsgruppen führen zur Zeit das Projekt "das Dorf soll friedlich werden" durch. Sie versuchen, das alte Haus, das von den Bewohnern nach der Verhandlung mit der koreanischen Regierung ausgezogen sind, in eine Bücherei, ein Cafe und Gästehaus voll mit Kunstgegenständen zu verwandeln, mit Hilfe von vielen Künstlern. Dieses Jahr ist das Militär und die Polizei mehrmals scharf dagegen vorgegangen. Aber viele Leute haben in gewaltfreien direkten Aktionen das Dorf beschützt; sie bildeten Barrikaden ohne Waffen, hatten Sit-Ins auf dem Bagger -- und diese Taktiken wirkten.
Obgleich die Hauptberichterstatter nicht an diesen gewaltfreien Kämpfen interessiert waren, wissen viele Leute, was in der Pyeoungtaek-Gegend passiert ist und sie unterstützen den Kampf gegen den Ausbau der US-Basis.
Bis jetzt war Gewaltfreiheit noch keine grundlegende Philosophie in den koreanischen Bewegungen. Als Kang Chul-min, der im aktiven Militärdienst war, im Jahre 2003 seine Verweigerung erklärte, gab es eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob die Sitzdemonstration weitergehen sollte oder nicht. Und es gab auch ein Problem, als viele Universitätsstudenten ihre Verweigerung im voraus erklärten auf Befehl ihrer Gruppen. Diese Probleme resultierten daraus, dass Gruppen die Verweigerung als reine Taktiken oder als Ereignis betrachteten, nicht als direkte Aktion im eigenen Leben. Jetzt gibt es immer mehr Menschen, die im Kampf gegen den Ausbau der US-Basis den gewaltfreien Weg wählen.
Korea Solidarity for Conscientious Objection
„Das Zerbrochene Gewehr" ist das Rundschreiben der War Resisters International und wird auf Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch veröffentlicht. Dies ist Ausgabe 75, September 2007. Diese Ausgabe des zerbrochenen Gewehrs wurde von Javier Gárate produziert. Besonderer Dank geht an Howard Clark , Joanne Sheehan, die Korea Solidarity for Conscientious Objection, und Yvonne Kassim. Wenn du Extrakopien dieser Ausgabe des zerbrochenen Gewehrs wünschst, bitte setze dich mit dem WRI-Büro in Verbindung oder downloade es von unserer Website.
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