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das zerbrochene Gewehr Nr.69, März  2006

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Gewaltfreiheit globalisieren

Aufruf zu einer Gewaltfreiheitsstrategie durch die Globale Friedens- und Gerechttigsbewegung

Stellan Vinthagen

Wir leben in einer historischen Zeit des sozialen Wandels. So wie Wirtschaft, Staatsregime und Kriege globalisiert werden, werden das auch die sozialen Kräfte der Bewegungen. 2003 demonstrierten mehr als 15 Millionen Leute auf der ganzen Welt gegen den Krieg im Irak. Die Treffen der "globalen Bewegung der Bewegungen" auf dem Internationalen Sozial-Forum (WSF) werden immer größer. An dem letzten Treffen in Brasilien nahmen 150.000 Leute teil. Diese globale Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung hat Schlüsse gezogen aus früheren Reformstrategien von nationalen Parteien/Wahlen und Revolutionen bis hin zu bewaffneter Rebellion -- und man sucht jetzt eine gewaltfreie Strategie für den sozialen Wandel.

Doppelproblem

Derzeitige globale Konfrontationen, wie in Prag mit der Weltbank, in Götheborg mit der EU oder in Genf mit dem G8-Treffen zeigen aufgrund des Fehlens einer eine kohärenten Strategie ein Doppel-Problem auf: gewalttätige Aufstände und unwirksamer gewaltfreier Widerstand. Dieses Doppelproblem resultiert teilweise aus einem Mangel an Erfahrung mit Gewaltfreiheit innerhalb der Bewegung. Sehr wenige Leute, die die Theorie der Gewaltfreiheit und die Praxis der Bewegung kennen, nehmen an der Organisation innerhalb dieser Bewegung teil (mit ein paar Ausnahmen in den USA).

Es ist bereits klar, daß diese globale Bewegung nicht einfach ein spontane sondern eine andauernde Mobilisierung darstellt. Das WSF sucht ausdrücklich unbewaffnete Politik ohne Wahlen (siehe die Charter des WSF auf http://weltsozialforum.org/prinzipien/index.html) -- eine Art "gewaltfreien sozialen Widerstand" ohne hervorzuheben, was das wirklich bedeutet.

Aber da bisher keine gewaltfreien Strategien angenommen wurden diskutiert man nun weiter darüber, sich von globalen Konfrontationen abzuwenden. Die Konfrontationen werden als unproduktiv angesehen und zu sehr sehr als symbolisches Eindreschen auf die Logos der gegenwärtigen Weltordnung (Bush, WTO, G8, usw.). Man möchte lieber Alternativen aufzeigen und lokalen Widerstand aufbauen. Man legt großen Wert auf konstruktive Alternativen -- die ja ein zentraler Punkt der Art von gewaltfreier Strategie sind, die Ghandi vorgeschlagen hatte -- aber das Problem ist, dass es noch keinen Ansatz für Widerstand gibt.

Die jetzige globale Bewegung ist meiner Meinung nach bereit, gewaltfreie Widerstandsstrategien anzunehmen als ihre Einstellung zu Politik und gesellschaften Wandel. Die Sprache der Gewaltfreiheit gibt es bereits in zahlreichen Workshops, Erklärungen und Organisationen: gleichgesinnte Gruppen, Ungehorsam, friedlich, Dialog, Richtlinien, usw. Organisationen wie die War Resisters' International haben das Potential, zu der Entwicklung dieser gewaltfreien Strategie beizutragen. Aber nicht nur der globalen Bewegung fehlt das Verständnis einer gewaltfreien Strategie -- uns, die wir seit langem mit Gewaltfreiheit arbeiten, fehlt ein globales Verständnis von Gewaltfreiheit, und müssen ein globales Repertoire gewaltfreien Widerstandes gemeinsam mit der globalen Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung entwickeln. Das stellt gewaltfreie AktivistInnen und ForscherInnen die Herausforderung, etwas Neues aus den gemachten Erfahrungen zu entwickeln.

Transzendierung traditioneller Politik

Diese Bewegung der Bewegungen transzendiert nicht nur die lokalen/globalen Ebenen der Politik, sondern auch die Ideen von in bestimmte Gebiete (z. B. Militarismus, Wirtschaft, Kultur oder Umwelt) oder Themen (z. B. Atomwaffen, Wehrpflicht, genmanipuliertes Getreide und das Landwirtschaftsgeschäft oder tausend andere Themen mit schlechten Auswirkungen des heutigen internationalen Systems) geteilte Politik. Diese Bewegung wird richtig verschiedenartig sein, so wie das soziale Leben und die Vielzahl von Taktiken, die zum Schutz dieses Lebens benötigt werden. Was das für gewaltfreien Widerstand bedeutet, ist schwer zu verstehen, aber es ist ganz bestimmt etwas Anderes. Wir brauchen einen umfassenden strategischen Rahmen, der die verschiedenen Kontexte und Bedürfnisse abdeckt.

Ansätze, die die Machtverhältnisse kritisieren (wie Feminismus und Anarchismus), sowie gewaltfreier Widerstand waren normalerweise nur marginal zu der hauptsächlichen Oppositionspolitik -- dies ist heute nicht unbedingt mehr der Fall. Zumindest scheinen heute mehr Ansätze nötig zu sein, die sich nicht nur kritisch mit Unterdrückung und Gewalt jeglicher Art beschäftigen, sondern die auch die aus Jahrhunderten von Erfahrung entstandenden praktischen Werkzeuge haben. Ich glaube fest daran, dass den globalen Bewegungen die Wahl einer umfassenden Alternative zu den jetzigen normalen politischen Traditionen gegeben werden muss. Wenn die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit globaler Konfrontation nicht auf der (begrenzten aber wohl fundierten) historischen Erfahrung der gewaltfreien Bewegungen aufgebaut werden, dann wird diese zerbrechliche Bewegung der Bewegungen wenige effektiv sein und könnte sogar ihr Mobilisierungsmomentum und ihre Kapazität für einen andauernden Wandel verlieren.

Was wir tun wollen: War Resisters' International ruft gewaltfreier WiderstandstrainerInnen, ForscherInnen, AktivistenInnen und OrganisatorenInnen auf, an der Konferenz "Gewaltfreiheit globalisieren" teilzunehmen, um zusammen herauszufinden, wie man strategischen gewaltfreien Widerstand in globalen Netzwerken leisten kann. Wir glauben nicht, dass wir bereits die Antwort darauf haben, wie mit diesem -- milde ausgedrückt -- gigantischen Vorhaben umgegangen werden soll, aber wir wissen, dass wir es versuchen müssen. Die Geschichte beruft uns dazu.

Aber vor allem ist es wichtig, dass wir erkennen, dass das derzeitige gewaltfreie Wissen, die Trainingsformen, die Strategie, die Organisations- und Aktionsformen (d. h. unser ganzes derzeitiges gewaltfreies Repertoire) in Übereinstimmung mit globalen Bedingungen weiterentwickelt werden müssen. Es ist noch nicht klar, wie diese spezifische Entwicklung aussehen muß, aber mein Hauptargument ist, dass wir anerkennen, dass wir uns in einer neuen Situation befinden. Die globalen Bewegungen werden uns die neue Situation lehren, und wir werden dann hoffentlich davon lernen und mit unserem Verständnis von gewaltfreier Strategie dazu beitragen können, dass die globale Bewegung der Bewegungen die heutige Weltordnung nicht nur herausfordert, sondern sie auch wirksam verändert.

Eine andere und gewaltfreie Welt ist möglich!

Stellan Vinthagen, Mitglied des Komittees der WRI-Dreijahrestagung, und Abteilung für Friedens- und Entwicklungsforschung, Universität Göteborg, Schweden. stellan.vinthagen@padrigu.gu.se

Dieser Artikel ist eine Kurzfassung eines Artikels, der von der War Resisters' International als Teil einer Artikelserie veröffenlicht wurde, die auf die Dreijahreskonferenz in Deutschland im Juli 2006 vorbereitet. In der Originalfassung dieses Artikels (http://wri-irg.org/tri2006/de/nachrichten/msg00001.html) kannst Du lesen, welche Konsequenzen sich aus Globalisierung für die aktuelle Politik ergeben. Ausserdem gibt es einen detaillierten Plan für die Entwicklung einer gewaltfreien Strategie innerhalb der globalen Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung.

Editorial

Gewaltfreiheit globalisieren -- das ist das Thema dieser Ausgabe des Zerbrochenen Gewehrs, aber es ist auch das Thema unserer im Juli in Deutschland in der Nähe von Paderborn stattfindenden internationalen Konferenz (merkt Euch den Termin: 23.-27. Juli). Doch was meinen wir eigentlich damit, wenn wir Gewaltfreiheit globalisieren sagen?

Stellan Vinthagen untersucht, was die Gewaltfreiheit der globalen Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit -- der Bewegung der Bewegungen -- anzubieten hat. Diese Bewegung trifft sich bei Sozialforen oder bei wichtigen Gipfeltreffen von Regierungen oder internationalen Regierungsorganisationen. Es ist wahrscheinlich treffender zu sagen, dass es sich dabei um unterschiedliche Flügel dieser Bewegung handelt, die sich bei dem einen oder dem anderen treffen, oder gar parallele Veranstaltungen organisieren, wie kürzlich mit dem Weltsozialforum und dem Alternativen Sozialforum in Caracas in Venezuela (siehe Seite 2). Doch Stellan Vinthagen argumentiert auch, dass es uns -- den ProtagonistInnen der Gewaltfreiheit, und auch der Bewegung der Bewegungen als ganzes -- an einer globalen Strategie der Gewaltfreiheit mangelt, und an einer Idee, was denn Gewaltfreiheit für eine globale Auseinan- dersetzung wirklich bedeutet.

Die Konferenz der War Resisters' International Gewaltfreiheit globalisieren will diese Fragen untersuchen, basierend auf unserer Erfahrung mit gewaltfreien Aktionen und Kampagnen, doch auch im Bewusstsein, dass wir nicht alle Antworten haben. Wir hoffen, dass diese Ausgabe des Zerbrochenen Gewehrs Dich neugierig gemacht hat, Dich an diesen Diskussionen zu beteiligen -- entweder durch Beteiligung an der Konferenz, und/oder in unserem Wiki unter http://wri-irg.org/wiki/index.php/Globalising_Nonviolence.

Eine andere -- eine gewaltfreie Welt -- ist möglich.

Andreas Speck

Andreas Speck ist Mitarbeiter im Londoner Büro der War Resisters' International

Das Zerbrochene Gewehr

Das Zerbrochene Gewehr ist das Mitteilungsblatt der War Resisters' International und wird in englischer, spanischer, französischer und deutscher Sprache veröffentlicht. Dies ist Ausgabe Nr. 69, März 2006. Diese Ausgabe des Zerbrochenen Gewehrs wurde von Andreas Speck zusammengestellt. Besonderer Dank gilt Howard Clark, Majken Sorensen, Stellan Vinthagen und Jochen Stay, und allen anderen, die Informationen beigesteuert haben, und Peace News sowie Graswurzelrevolution, die diese Ausgabe ihrer März-Ausgabe beilegen. Weitere Exemplare dieses Zerbrochenen Gewehrs sind beim Büro der WRI erhältlich, oder können von unserer Internetseite heruntergeladen werden.

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Alternatives Sozialforum in Caracas

Parallel zu dem offiziellen "polizentrischem" Weltsozialforum in Caracas, das von der Regierung Chavez, der nationalisierten ä–lgesellschaft PDVSA und sogar dem Hilton Hotel in Caracas gesponsort wurde, fand ein Alternatives Sozialforum statt, organisiert von anarchistischen und anti-autoritären Gruppen in Venezuela, und ohne Subventionen, ohne Kompromisse mit der Macht. Die meisten TeilnehmerInnen sahen es wohl weniger als eine Gegenveranstaltung, sondern als eine willkommene Ergänzung zum offiziellen Weltsozialforum, und viele beteiligten sich an beiden Veranstaltungen -- auch die War Resisters' International.

Das alternative Forum disku- tierte nicht nur Themen, die vom offiziellen Forum ausgelassen worden waren -- Militarismus in Venezuela (offensichtlich ein Thema, das in einem Land, in dem der Präsident selbst ein Militär ist nicht willkommen ist), die sozialen und ökologischen Folgen der ä–l- und Kohleproduktion in Venezuela, im wesentlichen für den Weltmarkt, Menschenrechte in Venezuela oder Anarchismus in Kuba, um nur wenige zu nennen. Wichtiger ist, dass das alternative Forum sich wirklich in eine Diskussion begeben hat, anders als häufig bei Diskussionen des offiziellen Forums zu sehen war, die sich nicht sehr von Konsumorientierung unterschieden, eben nur in einer "linken" Variante, mit Hunderten, die vorgeblich intelligenten Reden zuhören, doch mit wenig Raum, sich selbst einzubringen.

Doch das alternative Forum war auch ein Ort der Kritik des offiziellen Sozialforum-Prozesses, und der "Institutionalisierung des Weltsozialforums, die zu seiner Degeneration in dem halben Jahrzehnt seiner Entwicklung geführt haben. Diese Bürokratisierung des WSF widerspricht seiner Entstehungsgeschichte und den ursprünglichen Prinzipien, die von einer Versammlung von verschiedenartigen und heterogenen Bewegungen sprachen, einer 'Bewegung der Bewegungen'. In seiner jetzigen Entwicklung dient das WSF dazu, eine Serie von Führern, Regierungen, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und linken politischen Parteien mit relativ grosser wirtschaftlicher Macht und Resourcen nach vorne zu katapultieren und zu legitimieren; das hat die Konsequenz, diese Interessen zu fördern und radikalere und 'Minderheits' bewegungen weiter zu marginalisieren. Eine der Prioritäten des Alternativen Sozialforums war die Schaffung eines autonomen Raumes für die Entwicklung und Verbindung verschiedener lokaler Bewegungen, deren unterschiedliche Sichtweisen Alternativen zu dem aufgezwungenen Diskurs und Manichäismus, die Venezuela in den letzten Jahren charakterisiert haben, darstellen", so die OrganisatorInnen des alternativen Forums. Es war dann auch keine äœberraschung, dass die politische Polizei das Alternative Sozialforum beobachtet hat.

Natürlich waren es nicht Zehntausende, die sich am alternativen Forum beteiligten, aber wohl Hunderte. Doch wichtiger ist, dass eine Gemeinschaft geschaffen wurde, und das die Vernetzung real war, was hoffentlich bleibenden Wert haben wird, und zur Schaffung von etwas wirklich Neuem beitragen wird.

Andreas Speck

www.fsa.contrapoder.org.ve

Weltsozialforum – Forum für Gewaltfreiheit?

Howard Clark

Das Weltsozialforum ist der jüngste -- und einer der attraktiveren -- Versuche, einen internationalen Prozess anzubieten, um die Zusammenarbeit zwischen einer Bandbreite von Bewegungen des sozialen Widerstandes zu stärken, die auf mehr oder weniger gemeinsamen Werten basieren. Nach fünf Jahren zeigt dieser Prozess Anzeichen der Institutionalisierung -- es ist für einige Regierungen (nationale Regierungen wie das von Chavez in Venezuela oder regionale Regierungen wie die von Katalonien) attraktiv genug, als unterstützend angesehen zu werden. Doch gleichzeitig bleibt dieser Prozess offen genug, um die eigene Analyse zu klären und zu aktualisieren, z.B. indem mi letzten Jahr eine Erklärung von Women Living Under Muslim Laws angenommen wurde, die eine feministische Kritik sogenannter Antikriegsbewegungen darstellt, die sich als BündnispartnerInnen patriarchalen religiösen Fundamentalismus ansehen.

Ich stelle mir vor, dass bei jedem Sozialforum -- sei es ein regionales oder ein globales -- AktivistInnen dabei waren, die auf irgendeine Art mit der WRI verbunden sind. Ich sage, "ich stelle mir vor", da wir ein sehr lockeres Netzwerk sind. Ein Sozialforum bietet nützliche Möglichkeiten der Vernetzung -- und offen gesprochen kann das genauso nützlich sein wie eine Veranstaltung, die wir selbst organisieren (auf unsere eigenen Kosten!). Das war in den 80er Jahren mit der Europäischen Versammlung für nukleare Abrüstung (END Convention) der Fall -- tatsächlich habe ich dort WRI-Mitglieder getroffen, die ich nie auf WRI-Veranstaltungen getroffen habe.

Bei der END Convention ging es aber um Krieg und Rüstung. Das Sozialforum beschäftigt sich mit viel breiteren Themen. Die Charter des Weltsozialforums erwähnt Krieg auch nicht speziell, und der einzige Hinweis auf das Militär ist der, dass militärische Organisationen nicht vertreten sind. Die Charter erwähnt aber Gewaltfreiheit. Zum Ende hin, in Paragraph 13, lesen wir: "das Weltsozialforum [versucht] nationale und internationale Verbindungen unter Organisationen und Bewegungen der Gesellschaft zu verstärken und neue zu schaffen, welche - sowohl im öffentlichen wie im privaten Bereich die Fähigkeiten zum gewaltfreien sozialen Widerstand gegen den Prozess der Entmenschlichung, den die Welt zur Zeit durchläuft, zu erhöhen und gegen die vom Staat ausgeübte Gewalt, und welche die humanen Maßnahmen verstärken, die durch die Aktionen dieser Organisationen und Bewegungen ergriffen werden."

Hier ist ein klarer Bezugspunkt für die WRI. Unsere eigene WRI-Grundsatzerklärung erwähnt Gewaltfreiheit nicht direkt. Der erste Teil ist unsere Weigerung, Krieg zu unterstützen, der zweite Teil unsere Selbstverpflichtung, die Ursachen von Krieg zu beseitigen -- was wir seit langer Zeit als unsere Verpflichtung zur Propagierung von Gewaltfreiheit zur Beseitigung von Kriegsursachen ansehen. Daher all unsere Debatten zu Manifesten für eine gewaltfreie Revolution, unsere Erklärungen zu aktiver Gewaltfreiheit als Alternative zu bewaffnetem Kampf, unsere Konferenzen zu gewaltfreier sozialer Verteidigung, und unsere Arbeit zu "gewaltfreiem gesellschaftlichen Empowerment" in der jüngeren Vergangenheit.

Die WRI kann nicht als isolierte Organisation existieren -- wir müssen unseren Platz unter den sozialen Bewegungen einnehmen, deren Ziele wir teilen. Das ist unser Aktionsraum. Es gibt Zeiten, zu denen wir uns marginalisiert fühlen -- und es ist mit Sicherheit angebrachter für die WRI, beim kürzlich stattgefundenen Alternativen Sozialforum in Caracas gesehen zu werden, als der Chavez-Regierung zujubelnd -- doch es gibt Zeiten, wenn wir Verbindungen herstellen zu lebenswichtigen Themen und Impulsen, die wir -- als Organisation -- zu anderen Zeiten zur Seite legen müssen, da sie unsere begrenzten Resourcen übersteigen.

Von Anfang an hatte die WRI eine radikale Gesellschaftsanalyse -- eine Analyse, die viel weiter reicht als es die Arbeit unserer Organisation kann. Wir stehen auch für Werte, Werte, die nicht nur in der Organisation, sondern auch in unserem Alltag praktiziert werden sollen, und die ein wesentlich breiteres Bewusstsein widerspiegeln als blanker Antimilitarismus. Zusammengenommen platziert uns das eindeutig unter die "Bewegung der Bewegungen", die sich bei Sozialforen versammelt.

Es gibt aber noch etwas, das wir anzubieten haben, und das -- trotz aller Kontroversen um Gewaltfreiheit -- erfreut aufgenommen wurde, wenn wir es angeboten haben. Das ist die Erfahrung sorgfältiger Vorbereitung und ehrlicher, kritischer Auswertung gewaltfreier Aktion. Dabei waren das selten Aktionen, die von der oder mi Namen der WRI oder ihrer Mitgliedsorganisationen organisiert worden sind, sondern Aktionen, an denen sich unsere Mitglieder beteiligt haben, die wir diskutiert haben, und die uns Ideen geliefert haben, die wir in unseren eigenen Situationen anwenden konnten. Von aussen werden wir manchmal als "Club für die Gewaltfreien" angesehen. Eine der Herausforderungen, denen wir uns gegenüber sehen, ist, zu zeigen, dass unsere Gewaltfreiheit keine ausschliessende Gewaltfreiheit ist, und ebenfalls keine Gewaltfreiheit, die zeitgebunden ist oder nur in eine bestimmte Kultur passt -- sondern eine Gewaltfreiheit, die sich kontinuierlich selbst neu und unter neuen Rahmenbedingungen schafft. Unsere Konferenz Gewaltfreiheit Gobalisieren soll ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein.

Howard Clark hat kürzlich April Carter und Michael Randle bei der Zusammenstellung von People Power and Protest since 1945 -- a bibliography of nonviolent action geholfen. Die Bibliographie wird im März bei Housmans erscheinen. (Entschuldigung, die Bibliographie beinhaltet nur englischsprachige Publikationen.)

Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für massenhaften Zivilen Ungehorsam

Jochen Stay

Jochen Stay war in den 80er Jahren in Kampagnen Zivilen Ungehorsams gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen in der Bundesrepublik aktiv, und später in den 90er Jahren und bis jetzt in der Kampagne gegen Atommülltransporte nach Gorleben. Er reflektiert hier über seine Erfahrungen mit massenhaftem Zivilen Ungehorsam. Es ist klar, dass auch in der jetzigen weltweiten politischen Situation mutiges Einmischen dringend geboten ist, doch er fragt: Sind gewaltfreie Aktionen zivilen Ungehorsams mit der Beteiligung Tausender auch wieder eine konkrete Perspektive für die Friedensbewegung heute?

Klar ist, und das haben die vielen gescheiterten Versuche gezeigt, nicht jedes Thema, nicht jede politische Situation und nicht jeder Aktionsansatz eignet sich dazu, Tausende zum Zivilen Ungehorsam zu bewegen. Es müssen also eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen stimmen, damit es funktioniert. Ich zähle zehn Punkte auf, die sich sowohl in Mutlangen wie bei X-tausendmal quer finden lassen, ohne zu behaupten, damit so etwas wie ein Erfolgsrezept bieten zu können:

  1. Es geht um ein Thema, dass von vielen Menschen als konkrete Bedrohung empfunden wird. Die persönliche Betroffenheit ist ein wesentlicher Faktor.
  2. Es geht um ein Thema, bei dem viele Menschen den Eindruck haben, dass sich die Parteipolitik mächtigen Interessen unterordnet und nicht den Willen der Bevölkerung umsetzt.
  3. Es ist gelungen, aus dem großen allgemeinen und hochkomplexen Konfliktthema einen besonders brisanten, besonders anschaulichen aber auch hochsymbolischen Teil herauszunehmen und um diesen Teilbereich einen Konflikt aufzubauen, der für das ganze Thema steht, pars pro toto, ein Teil steht für das Ganze.
  4. Es ist gelungen, den Konflikt an einem konkreten Ort zuzuspitzen -- Mutlangen, Gorleben -- so dass der Ort selbst große symbolische und damit letztlich auch identitätsstiftende Bedeutung bekommt.
  5. Die jeweilige Kampagne bekommt Energie durch eine gesellschaftliche Vision, die weit über das politische Teilziel hinausgeht und die sich im Umgang miteinander, im Innenleben der Kampagne widerspiegelt. Ich nenne hier nur die basisdemokratischen Ansätze, Konsensmodell, Bezugsgruppen und SprecherInnenrat.
  6. Die jeweilige Kampagne Zivilen Ungehorsams wird getragen von einem Kreis von AktivistInnen, die sich mit ihrer ganzen Kraft und quasi Full-Time über Jahre für die Umsetzung ihrer Vision einsetzen.
  7. Es wird eine konkrete Form Zivilen Ungehorsams gefunden, die von ihren Konsequenzen nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Folgen hat. Die begrenzte Regelverletzung und die Bereitschaft zum Tragen der Folgen öffentlicher Aufmerksamkeit führen dazu, dass viele bereit sind, diesen Schritt zum Zivilen Ungehorsam zu wagen, weil die juristischen und körperlichen Folgen überschaubar sind.
  8. Die Aktionen entwickeln sich zu einer Mischung aus effektiver Behinderung der Maschinerie und Ritual. Rituale sind für mich nichts negatives, so lange sie mit Leben gefüllt sind.
  9. Die Mobilisierung zu den Aktionen ist nicht unverbindlich sondern wird über Selbstverpflichtungs-Erklärungen letztlich sehr persönlich und verbindlich geführt
  10. Die jeweiligen AktivistInnen haben die Möglichkeit, sich gründlich vorzubereiten. Und es wird viel Aufwand betrieben, damit die organisatorischen Rahmenbedingungen so gut sind, dass der oder die einzelne BlockiererIn sich wirklich aufs Blockieren konzentrieren kann.

Soweit einige Gemeinsamkeiten. Es gibt aber auch Unterschiede, Faktoren, die sich seither gewandelt haben. Auch davon will ich einige benennen:

Dies ist ein Auszug aus einer längeren Präsentation von Jochen Stay auf der Perspektivkonferenz "Mit neuer Energie für den Frieden", 7. Dezember 2002, in Schwäbisch Gmünd Der Vortrag ist in der Zeitschrift "gewaltfreie aktion", Nr. 138/139, 1./2. Quartal 2004 erschienen.

Gewaltfreiheit globalisieren: War Resisters' International Konferenz

Mitmachen!

Eine Konferenz der WRI ist in grossem Maße auf die TeilnehmerInnen angewiesen. Wir brauchen Menschen, die sich nicht nur an den Arbeitsgruppen, die jeden Morgen stattfinden (siehe Seite 4) beteiligen, sondern auch selbst Workshops anbieten, in denen sie ihre Erfahrungen mit anderen teilen (dazu gibt es eine Seite auf unserem Wiki). Und wir brauchen Menschen, die unsere Kommunikation ermöglichen, indem sie in Arbeitsgruppen und Workshops übersetzen -- deutsch, englisch, spanisch und französisch sind gleichwertige Konferenzsprachen, und damit das auch praktisch funktioniert, brauchen wir Eure Mithilfe.

Diskutieren

Bereits im Vorfeld der Konferenz bemühen wir uns um Diskussion. Einige der hier erschienen Artikel, sowie andere, sind auf unserer Internetseite bereits veröffentlicht, und unser Wiki erlaubt es, darüber zu diskutieren. Ihr könnt auch auf http://lists.wri-irg.org/sympa die deutschsprachige Mailingliste gewaltfreiheitglobalisieren abonnieren.

Büchertische

Eine Bewegung produziert Papier -- und die Konferenz ist auch ein Ort, Publikationen auszutauschen und anzubieten, aber auch einfach mal zu schauen, was denn andere so anzubieten haben. Bringt also Eure Zeitschriften, Bücher, Musik- und Video-CDs, Videos, DVDs oder anderen Materialien mit.

Musik und Kultur

Bewegung braucht nicht nur Musik, jede Bewegung produziert auch Musik. Wir hoffen, etwas davon auf der Konferenz zu hören und zu sehen, und das nicht nur aus der Konserve. Bringt Musikinstrumente mit, oder lasst uns wissen, wenn Ihr selbst etwas präsentieren wollt.

Austellungen

Plakate, Kunst- oder Fotoausstellungen geben einen Eindruck von den Aktivitäten einer Bewegung. Es wird Platz geben, Plakate aufzuhängen, oder Aufstellungen aufzubauen. Doch lasst es uns bitte vorher wissen, so dass wir Vorsorge treffen können.

Für alle Fragen im Zusammenhang mit der Konferenz wendet Euch doch bitte an die

War Resisters' International
Gewaltfreiheit globalisieren
5 Caledonian Rd
London N1 9DX
Großbritannien
Tel +44-20-72784040
Fax +44-20-72780444
anmeldung@gewaltfreiheitglobalisieren.org www.gewaltfreiheitglobalisieren.org

Willst du die Globalisierung besser verstehen?

Willst du mehr gegen Kriege tun?

Willst du auch gewaltfrei aktiv sein?

Diese Konferenz 'Gewaltfreiheit globalisieren' der War Resisters' International wird eine großartige Gelegenheit, um Aktive aus der ganzen Welt zu treffen, ihre Hintergründe kennen zu lernen, und zu verstehen, wie wir alle eine andere Welt möglich machen können.

Auf der ganzen Welt entwickelt sich eine "Bewegung der Bewegungen". Sie will die Sichtweisen und Werte der Bevölkerung denen der Konzerne, Institutionen und Regierungen entgegensetzen - auch in den Anti-Kriegs-Aktionen. Es ist eine "Globalisierung von unten".

Die War Resisters' International denkt, dass die Gewaltfreiheit in dieser Globalisierung von unten noch viel wichtiger werden kann. Darum die Überschrift unserer internationalen Konferenz: Gewaltfreiheit globalisieren.

Die Diskussion der Konferenz...

Die Struktur der Konferenz

Jeder Vormittag beginnt mit einem Plenum zum Thema dieses Tages. Dann verteilen sich jeden Tag jeweils die selben zehn bis dreißig Menschen auf zehn Arbeitsgruppen, um ein besonderes Thema vertieft zu diskutieren. Die Nachmittage umfassen Workshops und Nachmittags-Plena.

Tages-Themen

  1. Gewaltfreiheit globalisieren Wir zielen darauf ab, dies zu einer besonders partizipativen Konferenz zu machen und damit beim Eröffnungsplenum beginnen.
  2. Militarismus und Globalisierung Das Vormittagsplenum spricht die Frage an: In welcher Beziehung stehen ökonomische Globalisierung, Militarismus und Krieg*Das Nachmittagsplenums befasst sich mit Themen, die sich aus der 'Privatisierung' des Krieges und dem 'Outsourcing' an private Unternehmen ergeben.
  3. Globalisierungskritik Das Vormittagsplenum untersucht gewaltfreie Aktionen gegen die negativen Aspekte der Globalisierung und konzentriert sich auf die Zusammenarbeit von deutschen und ostafrikanischen Gruppen zu Kleinwaffen. Das Nachmittagsplenum befasst sich mit Strategien der Bewegung für eine Globalisierung von unten, die den Friedensprozess in Israel/Palästina unterstützen.
  4. Strategie der Gewaltfreiheit Was kann die gewaltfreie Strategie für eine Bewegung zur Globalisierung von unten leisten*Was kann die Beteiligung an der Bewegung für eine Globalisierung von unten für eine gewaltfreie antimilitaristische Strategie leisten?
  5. Protest und sozialer Wandel Diskussion über Bündnisse und Ziele sowie über die während der Konferenz entwickelten Pläne und Ideen.

Arbeitsgruppen

Militär und Weltwirtschaft
Die Militärindustrie wird wie andere Industrien privatisiert, diversifiziert und globalisiert doch anders als andere noch immer privilegiert. Diese Gruppe wird die Strategie und Praxis des militärisch-industriellen Komplexes analysieren.

Militarisierung und Gesellschaft
Das Militär wirkt durch die 'Militarisierung' auf die Gesellschaft. Es besetzt sowohl physische als auch kulturelle Räume. Diese Arbeitsgruppe untersucht mögliche Strategien des gewaltfreien Widerstands zur Entmilitarisierung.

Gewaltfreie Zivile Intervention
Gewaltfreie zivile Intervention stellt ein praktisches Beispiel der Globalisierung von unten dar, die weltweite Verbindungen herstellt sowie das Peacebuilding und den Widerstand gegen Unterdrückung in anderen Erdteilen unterstützt.

Gewaltfreiheit und Globalisierung
Welche Strategien und Ziele verfolgt die globalisierungskritische Bewegung und welche Rolle spielt die Gewaltfreiheit darin*Wie passt das zu den weltweiten Anti-Kriegs-Aktivitäten?

Kriegsdienstverweigerung
Die Diskussionen in dieser Gruppe umfassen die Themen der Kriegsdienstverweigerung, der Kriegssteuerverweigerung, der Desertion und des Kriegswiderstandes ohne Wehrpfiicht. "Das Recht der Kriegsdienstverweigerung" ist einer der Hauptarbeitsbereiche der WRI.

Kriegsprofiteure
Diese Gruppe wird einige der größten Unternehmen benennen, die Profit aus Krieg schlagen und Wege zu direkten gewaltfreien Aktionen gegen diese Unternehmen aufzeigen.

Gewaltfreiheits-Training
Durch Rollenspiele, Übungen und Gespräche werden die Teilnehmenden hier in die verschiedenen Aspekte der Gewaltfreiheit eingeführt.

Video-Training
Diese Arbeitsgruppe befasst sich sowohl mit einer praktischen Einführung in die technischen Aspekte des Filmens als auch damit, wie Filme als politisches Instrument zu nutzen sind. Die Gruppe erstellt einen Video der Konferenz!

War Resisters' International

Die WRI glaubt, dass 'Krieg ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit' ist, und arbeitet daran, 'alle Krieg zu verweigern und alle Kriegsursachen zu beseitigen'. Sie wurde 1921 als Netzwerk von Pazifisten, Antimilitaristen und gewaltfreien Aktivisten aus allen Erdteilen gegründet. Während ihrer langen Geschichte haben Mitglieder der WRI nicht nur Bewegungen gegen Kriege angeführt, sondern auch die Gewaltfreiheit auf eine große Bandbreite anderer sozialer Fragen sowohl in ihren eigenen Ländern als auch international angewandt.

Die deutschen Gastgeber

Die Gastgeber und Organisatoren der Konferenz sind die deutschen WRI-Mitgliedsgruppen:

Anreiseinformation

Die Tagung findet statt in Schloss Eringerfeld, nahe Paderborn, Nordrhein-Westfalen.

Teilnahmekosten

Die Teilnahme an der Konferenz kostet (inkl. Unterkunft und Verpflegung) €200 für Einzelpersonen, und €250 für VertreterInnen von Organisationen. Es gibt aber auch etwas preiswertere Varianten (bring Dein eigenes Zelt!). Bitte kontaktiere das WRI-Büro.

Informationen zu Visa und Einreisebestimmungen

Bitte erkundige Dich nach den Visa-Regelungen für die Einreise nach Deutschland auf der Internet-Seite des Auswärtigen Amtes unter http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/willkommen/einreisebestimmungen /index_html. Falls Du für die Einreise ein Visum benötigst, wende Dich bitte nach Deiner Anmeldung zur Konferenz an die WRI. Wir werden Dir eine Einladung schicken, sobald die Anmeldegebühr für die Konferenz bei der WRI eingegangen ist.

Anmeldungsinformation

War Resisters' International
5 Caledonian Road
London N1 9DX - UK
+44 20 72784040
anmeldung@gewaltfreiheitglobalisieren.org http://www.gewaltfreiheitglobalisieren.org/regform-de.html