WRI homepage > Publikationen > das zerbrochene Gewehr > Nr.58, Mai 2003 || PDF
Sergeiy Sandler
Die israelische Gesellschaft ist extrem mili tarisiert. Kinder in den Kindergärten führen Militärparaden auf während ihrer Schuljahresendeparty.
Ein paar Jahre lernen sie wahrscheinlich ihre normalen Schulfächer bei Lehrern, die Wehrpflichtige in Uniform sind. Der Rektor der High School, an der sie später studieren, wird wahrscheinlich ein vor kurzem pensionierter Offizier mittleren Ranges sein. Die Vorgesetzten dieses Offiziers wurden wahrscheinlich in leitende Positionen des öffentlichen Dienstes oder der Privatwirtschaft berufen. Generäle, die eine politische Kariere anstreiben, werden Kabinettsminister und können später natürlich auch Premierminister werden.
In einer militarisierten Gesellschaft wie Israel ist die Wehrpflicht ein zentrales Instrument politischer Macht und ein Hauptthema auf der politischen Tagesordnung. Soziale Ungleichheiten werden reproduziert, verstärkt und oft durch die Einberufungspolitik der Armee erzeugt. So werden die Mitglieder der palästinensichen Minderheit unter den israelischen Bürgern nicht zum Militärdienst einberufen, und diese Tatsache wird dann als Ausrede benutzt für deren offizielle und inoffizielle Diskriminierung in allen Bereichen des Lebens. Wenn z. B. ein Arbeitgeber für einen Arbeiter "mit geleistetem Militärdienst" sucht, so bedeutet das verschlüsselt "Araber unerwünscht".
Einige kleine Gruppen innerhalb der palästinensischen Minderheit (besonders die Drusen) werden trotzdem einberufen, getreu der alten Maxime "teile und erobere".
Innerhalb der jüdischen ethnischen Mehrheit verstärkt das Militär die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und den sozialen Schichten.
Obgleich die meisten jüdischen Frauen einberufen werden, müssen sie nur einen kürzeren Militärdienst leisten (20-21 Monate, im Gegensatz zu den 3 Jahren für die Männer), und man gibt ihnen nur als unwichtig angesehene Funktionen innerhalb der Armee. Das spiegelt sich im sozialen Status der Frauen wider und in deren Ausgrenzung in der Öffentlichkeit (z. B. besteht das israelische Parlament zu weniger als 10% Kontakt zu Yesh Gvul s. S.3 aus Frauen). Die Meinung von Generälen zu öffentlichen Angelegenheiten wird als maßgebend betrachtet, die Meinung der Frauen als irrelevant.
Jüdischen Männern der Arbeiterklasse bekommen normalerweise technische und logistische Funktionen innerhalb der Armee, damit sie anders als andere jüdische Männer, eher wie Frauen und drusische Soldaten später nicht in der Lage sind, ihren Militärdienst in beachtliche Sozialhilfe umwandeln können.
Um diesen Punkt noch weiter zu belegen: alle bekennenden jüdischen Frauen sowie Drusen und jüdische Männer, die sich religiösen Studien widmen, sind vom Militärdienst ausgenommen. Im Falle der jüdischen Männer (d. h. der priviligierten Gruppe) wird dieses Thema im letzen Jahrzehnt äußerst heftig in der Öffentlichkeit debatiert.
Diese etwas ausführliche Einleitung soll zeigen, daß das Militär in Israel im Mittelpunkt der politischen Macht steht; seine Politik wird kaum öffentlich in Frage gestellt; und Wehrpflicht ist ein politisches Hauptthema. Unter diesen Bedingungen ist Kriegswiderstand jeglicher Art von besonderer politischer Brisanz. Es überrascht nicht, daß seit Beginn der zweiten Intifada im Jahre 2000 organisierte Gruppen von Kriegsgegnern wiederholt in die israelischen Mainstream-Medien gelangen konnten und auf die politische Tagesordnung, während die radikale Opposition zu der israelischen Politik und deren Verbrechen in den Besetzten Gebieten weitgehend zum Schweigen gebracht wurde.
Wie oben erwähnt, erzeugt und verstärkt die Einberufungspolitik die sozialle Trennung der israelischen Gesellschaft. Dementsprechend kommen die Kriegsgegner in Israel aus sehr vielen sozialen und politischen Klassen. Eine grundlegende Übersicht über diese Vielfalt ist hilfreich für das Verständnis dieser wichtigen sozialen und politischen Widerstandsbewegung in Israel.
Die Weigerung, Militärdienst zu leisten, geschieht aus der unterschiedlichsten Motivation.
Einige Verweigerer werden von Überlegungen motiviert, die besonders mit dem israelischpalästinensischen Konflikt und der Besetzung Palästinas zu tun haben, während andere, z. B.
die Pazifisten und Anarchisten, vielschichtigere moralische und politische Bedenken äußern. (Es ist unmöglich, eine scharfe Grenze zwischen diesen beiden Gruppen zu ziehen. Oft genug wird das nur durch die Betonung eines Teils der Gesamthaltung des Verweigerers bestimmt.) Ein paar Verweigerer sind gegen jegliche Ausübung von Militärdienst, andere dagegen verweigern nur den Militärdienst in den Besetzten Gebieten.
Verweigerer sind auch sehr unterschiedlich hin sichtlich sozialer Charakteristiken. Einige von ihnen sind Teenager, die sich nicht angeworben werden wollen, andere hingegen sind schon in ihren Zwanzigern, Dreißigern oder Vierzigern und verweigern den Reservedienst. Viele kommen aus Mittelklassefamilien, aber es gibt auch Verweigerer aus Arbeiterfamilien, einschließlich einer beachtlichen Gruppe von Immigranten aus der früheren Sowjetunion. Einige ihrer Familien waren in der radikalen Linken aktiv andere treffen bei ihren Eltern oder anderen Verwandten auf eine feindselige Haltung (und manchmal gelingt es den jungen Verweigerern sogar, ihre anfänglich feindlich gestimmten Eltern zu aktiver Unterstützung der Verweigerer und ihrer Sache zu bringen).
Eine wichtige Gruppe innerhalb der Verweiger er-Bewegung ist die Gruppe der weiblichen Verweigerer. Jüdische Frauen in Israel werden einberufen. Soweit es uns bekannt ist, ist Israel zur Zeit das einzige Land mit Wehrpflicht für Frauen.
Dementsprechend gibt es eine aktive und starke Bewegung von Wehrdienstverweigerinnen in Israel - die einzige dieser Art auf der ganzen Welt.
Die israelische Gesetzgebung zur Wehrpflicht ist auch dahingehend anomal, daß der Status des Verweigerers aus Gewissensgründen nur für Frauen anerkannt wird. Dies grenzt Verweigerinnen sehr von den Verweigerern ab.
Eine weitere Gruppe mit speziellem Interesse sind die drusischen Verweigerer. Wir schon erwähnt, werden drusische Männer im Gegen satz zu anderen palästinensischen Israelis zum Militär eingezogen. Seit 1956, als die israelische Regierung beschloss, drusische Männer zum Militär einzuziehen, besteht eine Bewegung drusischer Wehrdienstverweigerer. Drusische Verweigerer begründen normalerweise ihre Verweigerung damit, daß sie keinen ethnischen Krieg gegen ihre eigenen Leute führen wollen. Sie wurden oft hinter Gitter gesteckt, und zwar für beachtlich längere Zeiten als andere Verweigerer.
Seit Beginn der zweiten Intifada im September 2000 ist die Zahl der erklärten Verweigerer drastisch angestiegen. Aus ein paar einzelnen Personen sind Tausende geworden. Ungefähr zweihundert Verweigerer wurden bis jetzt inhaftiert; einige davon wiederholt (bis zu achtmal in Folge). Zwei organisierte Verweigerergruppen die Letter of the High School Seniors (Shminis tim) und Courage to Refuse (Mut zur Verweigerung) erklärten kollektiv ihre Verweigerung und haben intensive und hitzige Debatten in der israelischen Gesellschaft und in den MainstreamMedien erzeugt. Innerhalb der radikalen Linken Israels, unter denen, die gegen die Besetzung Palästinas und die Aktionen der israelischen Armee in den von ihnen besetzten Gebieten sind, hat die Bewegung der Verweigerer jetzt einen zentralen und hervorstechenden Platz eingenommen.
Aber irgendwie ist diese politisierte Bewegung erklärter Verweigerer nur die Spitze eines Eisbergs. Einberufungsstatisken zeigen, daß während des letzten Jahrzehnts die Zahl der Leute, die nicht einberufen wurden oder vorzeitig aus der Armee entlassen wurden, sprunghaft angestiegen ist. Es ist allgemein bekannt, daß die meisten dieser Leute ihre Entlassung selbst verursachen. Sie bilden, was wir "graue Verweigerer" nennen. Einige dieser grauen Verweigerer werden offiziell aus Gesundheitsgründen entlassen (normalerweise wegen schlechter psychischer Gesundheit). Andere verbringen Zeit in Militärgefängnissen, bis sie wegen "Inkompabilität" entlassen werden. Viele Frauen bekommen eine Befreiung von der Wehrpflicht, indem sie (oft fälschlicherweise) behaupten, sie seien prak tizierende religiöse Juden. Zusammen mit der palästinensischen Minderheit (die nicht eingezogen wird, obgleich sie vor dem Gesetz zur Ableistung des Militärdienst in Frage käme) beläuft sich die Zahl dieser grauen Verweigerer auf eine kleine Mehrheit (ca. 55 57%) in ihrer Alters gruppe unter den israelischen Bürgern.
Es ist schwierig, die unterschiedlichen Motive für die graue Verweigerung aufzulisten. Einige dieser Verweigerer sind politisch und ideologisch motiviert, aber sie wählen den leichteren Weg, aus der Armee entlassen zu werden, und erklären ihre Motive nicht öffentlich. Andere vermeiden den Militärdienst, weil sie mit ihrem Einkommen ihre Familie ernähren müssen. Viele würden tatsächlich sagen, daß sie ganz einfach nicht zur Armee gehen wollen. Aber welche Erklärung graue Verweigerer auch immer für ihre Verweigerung geben, sie ist von großer politischer Bedeutung. In der hoch militarisierten israelischen Gesellschaft bedeutet die Verweigerung des Militärdienstes, mit den Füßen zu wählen, gegen die fortgesetzte Militarisierung der israelischen Gesellschaft zu stimmen und gegen die Machtstruktur, die diese Militarisierung erzeugt.
Somit spielt diese Bewegung der unterschied lichsten Wehrdienstverweigerer in Israel eine zentrale Rolle im Widerstand gegen den Krieg in einer der heißesten heutigen Kriegszonen der Welt.
Diese Ausgabe des Zerbro chenen Gewehrs hat als Schwerpunkt die Kampagne der War Resisters' International zur Unterstützung israelischer Kriegsdienstverweigerer und des gewaltfreien Widerstandes gegen die Besatzung der palästinensischen Gebiete.
Bereits seit einigen Jahren kooperiert die War Resisters' International mit verschiedenen israelischen KDV- und VerweigererGruppen. In letzter Zeit ist die Zahl der KDVer sowohl selektiver als auch der Wehrpflichtverweigerer stark angestiegen. Als Antwort haben die israelischen Behörden ihre Repression gegen Kriegsdienstverweigerer verstärkt: längere Inhaftierung und Kriegsgerichtsverfahren, die potentiell zu längeren Haftstrafen führen können.
All das macht internationale Unterstützung noch wichtiger, einschliesslich Protestbriefen, Solidaritätsaktionen, und einer internationalen Kampagne Diese Ausgabe des Zer brochenen Gewehrs bietet Informationen und Hintergrundmaterial für Kampagnenarbeit. Die WRI website stellt noch mehr Material bereit. Bitte nutzt es Israels KDVer brauchen unsere Unterstützung!
Andreas Speck
CO Campaign Worker im WRI-Büro, London
Yesh Gvul hat mit den Jahren herausgefunden, dass ein wirksamer Weg zur Unterstützung von Verweigerern im Gefängnis darin besteht, sie von Unterstützungsgruppen außerhalb Israels adoptieren zu lassen.
Wenn ein Verweigerer ins Gefängnis kommt, werden Unterstützergruppen alarmiert, die eine breite Palette von Aktivitäten entfalten. Email, Briefe und Telefonanrufe gehen hinaus an die Familie des Verweigerers und ins Gefängnis; die Adoptionsgruppe übt politischen Druck aus mit Protesten bei der nächsten diplomatischen Mission Israels, während sie umfassende Aktionen innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaf durchführt. Die Adoptionsgruppe bietet auch materielle Hilfe an und kümmert sich um Geld, um den Personen zu helfen, die vom Verweigerer abhängen.
Sobald die Gruppe ihren Willen erklärt, einen Gefangenen zu adoptieren, erhält sie eine vollständige Anleitung einschließlich personenbezogener Informationen - Alter, Beruf, Stand (und hoffentlich ein Bild), Telefonnummern und Adressen, Einzelheiten von Familienmitgliedern, die nach Kontakten fragen, sowie Empfehlungen vom Anwalt des Verweigerers in Israel, auf welche Weise Unterstützung geboten werden kann.
Proteste zur Unterstützung des Gefangenen und Anrufe bei der nächsten Vertretung Israels mit der Bitte um seine Entlassung , verbunden mit Druck auf örtliche Medien/ Politiker etc. mit der Absicht, Druck auf IDF und die Regierung Israels auszuüben.
Solche Anrufe sind von enormer Hilfe in einer Zeit großer Beanspruchung.
Reservisten, die zum aktiven Dienst einberufen werden, erhalten einen Ersatz für ihr Zivilgehalt in Form der Israelischen Nationalversicherung. Unnötig zu sagen, Verweigerer im Gefängnis erhalten diese Hilfe nicht. Keren Yesh Gvul (Yesh Gvul-Stiftung) versorgt Verweigerer, die um finanzielle Hilfe bitten, mit annähernd $ 750 für einen Monat im Gefängnis.
Gruppen können helfen, indem sie dieses Geld aufbringen und einen Scheck für "Keren Yesh Gvul" ausstellen, zu senden an: PO Box 6953, Jerusalem 91068, ISRAEL.
Eine Gruppe von Reservisten, Offizieren und Soldaten, deren erste Verweigerungserklärung im Januar 2002 eine weit verbreitete Kontroverse in ganz Israel erzeugte und die Friedensbewegung mit neuer Energie erfüllte.
http://www.seruv.org/defaulteng.asp
Die älteste und sehr aktive Organisation, die Reservisten unterstützt, die sich weigern, in den besetzten Gebieten zu dienen (bekannt als "selektive Verweigerung")
Yesh Gvul, PO Box 6953, Jerusalem 91068, Israel Telephone: +972-2-6250271 info@yesh-gvul.org http://www.yesh-gvul.org
Zunächst waren es 62, jetzt umfaßt Shministim 300 GymnasialabsolventInnen, die angekündigt haben, daß sie "sich weigern, Soldaten für die Besatzung zu sein." Shministim movement PO Box 70094, Haifa 31700 Israel shministim@hotmail.com http://www.shministim.org
Eine feministische Bewegung, die daran arbeitet, die israelische Gesellschaft zu entmilitarisieren. Sie bietet Informationen und verschiedene Formen der Unterstützung für VerweigererInnen jeder Art an und für jeden, der nicht in der israelischen Armee dienen will.
New Profile, P.O. Box 48005, Tel Aviv 61480, Israel +972-3-5160119 newprofile@speedy.co.il http://www.newprofile.org/ english
Es unterstützt drusische KDVer Druze Initiative Committee for Conscientious Objection PO Box 8, Shfar'am 20200, Israel
Vorstand der War Resisters' International, 23. Februar 2003 Der Vorstand der War Resisters' International, das 81 Jahre altes internationale Netzwerk pazifistischer Organisationen mit 90 Mitgliedsorganisationen in 45 Ländern, hat auf der Vorstandssitzung in London an diesem Wochenende seine schwerwiegende Besorgnis bezüglch der Situation von KriegsdienstverweigererInnen in Israel zum Ausdruck gebracht.
Im Lichte der schwereren Bestrafung von israelischen KriegsdienstverweigererInnen fordert der Vostand von der israelischen Regierung, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen. Er ruft die internationale Friedensbewegung auf, israelische KriegsdienstverweigererInnen zu unterstützen, und den Protest gegen die israelische Regierungspolitik zur Kriegsdienstverweigerung zu Gehör zu bringen.
Israel erkennt das Recht auf Kriegsdienstver weigerung nicht an, das vom Artikel 18 des Internationalen Paktes über zivile und politische Rechte, den Israel unterzeichnet hat, abgeleitet ist. Zusätzlich, und als Antwort auf die steigende Zahl von KriegsdienstverweigererInnen, die sich weigern, in die israelische Armee einzutreten, haben die israelischen Behörden die Urteile gegen WehrpflichtgegnerInnen erhöht. Wiederum unter Verletzung internationaler Rechtsstandards werden KriegsdienstverweigererInnen wieder und wieder ins Gefängis geschickt - erst kürzlich erhielt Kriegsdienstverweigerer Jonathan Ben-Artzi seine achte Gefängnisstrafe, und Dror Boimel erhielt eine siebte Gefängnisstrafe. In einem weiteren Schritt, KriegsdienstverweigererInnen zu brechen, werden sie jetzt vor ein Militärericht gestellt, nachdem sie bereits mehr als 150 Tage im Gefängnis verbracht haben. Ein Militärericht kann KriegsdienstverweigererInnen zu bis zu 3 Jahren Gefängnis verurteilen. Jonathan BenArtzi und Dror Boimel werden die Ersten sein.
Ein Bericht der WRI zu Kriegsdienstverweigerung in Israel, der kürlich dem Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen unterbreitet wurde, listet mehr als 180 KriegsdienstverweigererInnen auf, die zwischen September 2001 und Januar 2003 auf grund ihrer Kriegsdienstverweigerung Gefängnisstrafen abgesessen haben - insgesamt mehr als 6.500 Tage Gefängnis.
War Resisters' International fordert von der israelischen Regierung: w das Recht auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen, und ein Gesetz zur Kriegsdienstverweigerung zu verabschieden, das den Standards entspricht, die in den Resolutionen der UN-Menschenrechtskommission 1998/77 und 2002/45 gesetzt werden; w unverzüglich alle inhaftierten KriegsdienstverweigererInnen zu entlassen, und die Einberufung all derer, die ihre Kriegsdienstverweigerung erklärt haben, bis zur Einführung eines Gesetzes zurückzustellen.
Die War Resisters' International ruft ihre Mitglieder, und andere Friedensorganisationen, sowie jede und jeden, nachdrücklich auf: w ihrem Protest gegen die Inhaftierung von Kriegsdienstverweigerung Gehör zu verschaffen, durch Briefe an israelische Botschaften, die israelische Regierung, und das israelische Militär; w inhaftierte KriegsdienstverweigererInnen durch Briefe an die/den Inhaftierten zu unterstüzen; w sich an der Kampagne der WRI zur Unterstützung von KriegsdienstverweigererInnen in Israel, die am 15. Mai, dem Internationalen Tag zur Kriegsdienstverweigerung, ihren Höhepunkt finden wird, zu beteiligen: organisiert Protestaktionen, Mahnwachen, Workshops, Diskussionsveranstaltungen am 15. Mai, um Aufmerksamkeit und Unterstützung für KriegsdienstverweigererInnen in Israel zu gewinnen; w sich an Delegationen der WRI zur Beobachtung von Prozessen gegen KriegsdienstverweigererInnen vor Militärgerichten zu beteiligen.
Israels KriegsdienstverweigererInnen brauchen unsere Unterstützung.
Israel ist das einzige Land mit Wehrpflicht für Frauen. Shani Werner, eine Aktivistin bei Shministim und New Profile wirft einen Blick auf den Widerstand der Frauen gegen die Einberufung.
Israel ist das einzige Land auf der Welt, in dem Frauen wehrpflichtig sind. Es ist deshalb auch das einzige Land auf der Welt, wo ein Frauenwiderstand dagegen existiert. Wir kennen nicht den genauen Umfang dieser Bewegung, weil viele junge Frauen diese Prozedur alleine durchziehen (und wir sie deshalb nicht kennen). Außerdem möchte die Armee natürlich solche Daten nicht an die Öffentlichkeit geben.
Anders als bei den Männern, die ihre Verweigerung erklären und ins Militärgefängnis geschickt werden, wird die Verweigerung der Frauen aus Gewissensgründen vom Staat offiziell anerkannt. Solche Frauen werden vom Wehrdienst ausgenommen, vorausgesetzt, daß sie die Militärkommission allgemein als das "Gewissens komitee" bekannt überzeugen, daß ihre Verweigerung ernsthaft gemeint ist.
Das Recht, von der Wehrpflicht aus Ge wissensgründen befreit zu werden, ist eines der meist gehüteten Geheimnisse der israelischen Armee. Die meisten der entsprechenden Kandidatinnen kennen dieses Recht nicht. Die IDF verbreitet nicht gerne Informationen darüber, wie dieses Recht ausgeübt werden kann. Es wird ganz kurz wenn überhaupt in den Vorbereitungsinformationen erwähnt, die den Wehrpflichtigen zugesandt werden. Frauen, die in den Einberufungszentren danach fragen, sagt man oft "so etwas gibt es nicht".
Das von den Frauen, die vor das "Gewis senkomitee" treten müssen, geforderte Verfahren, ist nicht einfach. Das "Gewissenskomitee" behandelt junge Verweigerinnen willkürlich und inkonsequent. In einigen Fällen sind die Befragungen kurz und trivial, in anderen Fällen gezielt demütigend und einschüchternd. Siebzehnjährige Mädchen sehen sich auf sich alleine gestellt dem Komitee gegenüber, das normalerweise nur aus älteren Männern besteht, ohne Rechtsbeistand und moralische Unterstützung. Bis vor kurzem lehnte das "Gewissenskomitee" die meisten Frauen nach ihrem ersten Antrag ab und nahm (die meisten) erst nach deren zweitem Versuch vom Wehrdienst aus wenn diese die Entscheidung anfocht en. Viele Frauen wußten jedoch nicht, daß sie Einspruch einlegen konnten.
Die Bewegung "New Profile" hilft Verwei gerinnen aus Gewissensgründen mit dem Angebot eines detailierten Informationspakets zu diesem Thema, zusammengestellt von dem Verweigerer Moran Cohen und dem Rechtsanwalt Yossi Wolfson, und einem Beraternetzwerk, das Erklärung und persönliche Unterstützung gibt. Zur Zeit erfahren immer mehr junge Frauen von dieser Option, und die meisten Frauen, die einen Antrag an die Militärkommission stellen, werden tatsächlich vom Wehrdienst befreit.
Obgleich die israelische Armee Verwei gerinnen relativ leicht vom Wehrdienst befreit, im Vergleich zu der Behandlung der Verweigerer, ist es nicht leicht, einen solchen Schritt zur Verweigerung zu unternehmen. Jede Frau muß sich mit sich selbst auseinandersetzen, der Art ihrer Erziehung und einem Umfeld, das diesen Schritt oft nicht gutheißt und nicht verstehen kann.
Außerdem kommt die Tatsache, daß Frauen hinsichtlich des Verweigerungsrechts Männern gegenüber bevorzugt werden, direkt aus dem untergeordneten Status, den Frauen in der Arme und in der israelischen Gesellschaft haben. Frauen werden vom Wehrdienst befreit, weil sie unwichtig sind, also ob sie keine "richtigen Soldaten" , d. h.
Soldaten im Kampf, wären. Demzufolge wird deren Verweigerung ein persönlicher Schritt, der tapfer und in keinster Weise leicht ist als zu vernachlässigend betra chtet, d. h. es wird davon nichts in den Medien berichtet; es bleibt für das öffentliche Auge unsichtbar.
Die Stimme der Verweigerinnen wird aber heutzutage zunehmend hörbar. Früher heirateten manche Frauen mit 18, um nicht zur Armee gehen zu müssen (verheiratete Frauen sind vom Militärdienst befreit)
während andere erklärten, sie seien religiös (praktizierende Frauen sind auch vom Militärdienst ausgenommen). Vor ein paar Jahren kannten die jungen Frauen noch nicht einmal ihr Recht, aus Gewissensgründen zu verweigern, und auch nicht die Gruppen, die ihnen im entsprechenden Ver fahren helfen konnten. Später verweigerten junge Frauen, aber ihre Verweigerung zählte nicht und wurde nicht "mitgezählt" noch nicht einmal von den Verweigerungsbewegungen. Erst im Jahre 2001, als der sowohl von Verweigerinnen und Verweigerern geschriebene Seniors' Letter veröffentlicht wurde, zählten die Verweigerinnen zum ersten Mal.
Man fängt jetzt an, unsere Stimme zu hören. Das IDF und die israelischen Medien verschweigen das Phänomen immer noch und grenzen es aus, aber immer mehr junge Frauen verweigern aus Gewissensgründen und werden dabei unterstützt. Die israelischen Verweigererbewegungen müssen dafür sorgen, daß die Stimmen der Verweigerinnen lauter werden, um die Zahl der Verweigerer noch zu erhöhen und gegen die Kombination von Chauvinismus und Militarismus zu kämpfen, die die israelische Gesellschaft dominiert, eine Gesellschaft, die die Bedeutung der Verweigerung durch Frauen genauso unterschätzt wie den von Frauen geleisteteten Militärdienst.
( basierend auf einem Artikel von Rela Mazali und Shani Werner)
Andreas Speck
Die Lage drusischer KDVer zieht nicht viel Aufmerksamkeit auf sich weder von den Medien noch von der Friedensbewegung in Israel, noch aus dem Ausland.
Die Drusen sind eine Minderheit innerhalb der arabischen Bevölkerung Israels. Als Israel 1949 den Militärdienst einführte, sollte dieser für alle arabischen und palästinensischen Männer verpflichtend sein. Jedoch wurde er palästinensischen Bürgern Israels niemals aufgezwungen, teilweise aufgrund des Widerstandes von christlichen und muslimischen Palästinensern. Alle arabischen Männer werden automatisch vom Militärdienst befreit. Die Lage der Drusen ist anders. Aufgrund von Manipulationen zwangen die israelischen Behörden im Jahre 1956 sechzehn drusische Führer zur Unterzeichnung einer Übereinkunft über einen militärischen Zwangsdienst für die Drusen. Seitdem können drusische Männer zum Militärdienst eingezogen werden drusische Frauen, anders als jüdisch-israelische Frauen nicht.
Das drusische Initiativkomitee für KDV wurde 1972 gegründet. Es hat vier Hauptziele: Ende des zwangsweisen Militärdienstes; Widerstand gegen die Beschlagnahmung drusischen Landes; Keine Einmischung des israelischen Staates in Angelegenheiten von Nationalität und Religion; Demokratie und gleiche Rechte.
Das Schicksal drusischer KDVer findet wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Es gibt zu jeder Zeit Dutzende drusischer KDVer im Gefängnis, und das drusische Initiativkomitee veröffentlicht die Namen derjenigen, die damit einverstanden sind.
Während die meisten Drusen, die den Dienst in der israelischen Armee verweigern, dies aus Gewissensgründen tun, verweigern einige aus wirtschaftlichen oder religiösen Gründen.
Die Strafen für drusische KDVer aller Gruppen erreichen zusammen genommen mehrere tausend Jahre. Jihad Sa'ad, der Sekretär des dru
Peretz Kidron
'Selektive Verweigerung' bedeutet eine deutliche Abkehr von den traditionellen Formen antimilitaristischen Widerstandes, so wie er von PazifistInnen oder Kriegsdienstverweigernden geleistet wird, die grundsätzlich den Kriegsdienst oder die Teilnahme an militärischen Aktionen ablehnen.
Selektive Verweigerung entstand in Israel unter den besonderen Bedingungen von einzelnen SoldatInnen oder ReservistInnen, die den Militärdienst nicht grundsätzlich ablehnten oder sich sogar an Kampfeinsätze beteiligten, sofern diese gerechtfertigt schienen um Angriffe abzuwehren, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft waren: Sie verweigern aus politischen oder moralischen Gründen einen bestimmten Einsatz oder einen militärischen Feldzug.
Auch wenn es schon vorher einige vere inzelte Verweigernde gab, in deutlicher Anzahl erschien die Aktionsform der 'selektiven Verweigerung' zum ersten Mal während Israels Einmarsch in den Libanon 1982.
Hunderte von einberufenen ReservistInnen weigerten sich damals zu kämpfen, insbesonders als der damalige Premierminister Menahem Begin die Militäraktionen als einen "Krieg der Wahl" erklärte, d.h. als nicht absolut notwendig für die Verteidigung Israels. Eine Folge der Kämpfe war die Gründung von Yesh Gvul ("Es gibt eine Grenze"), welche die aktive Unterstützung der Verweigernden organisierte. Yesh Gvul registrierte während dieser Kampagne die Inhaftierung von mindestens 168 Verweigernden, einige von ihnen wurden sogar mehrfach inhaftiert. Aber die schnelle Verbreitung der selektiven Verweigerung machte die Befehlshabenden vorsichtiger und viele der Verweigernden wurden daraufhin nicht mehr disziplinarisch verfolgt, sondern anderen Einsätzen innerhalb Israels zugeteilt.
Die Bewegung der selektiven Verweigerung wurde zur Speerspitze der Anti-Kriegs-Koalition und sie half die öffentlichen Proteste gegen die blutigen und nutzlose Feldzüge zu stärken. Neben der Stärkung der AntiKriegs-Aktiviäten übten die Verweigernden auch einen unerwarteten und mächtigen Druck auf die militärischen Entscheidungsträger und auf die politische Führungsriege aus. Von General Moshe Levy, dem damaligen Kommaneur der Armee wissen wir, daß das Anwachsen der Verweigerungsbewegung und "die Angst, daß die Anzahl der Verweigernden schnell von Hunderten in die Tausende und Zehntausende gehen könnte" einer der Hauptgründe für die Empfehlung der Armeekommandierenden 1994 war, die Militäreinsätze einzustellen.
Zu einer weiteren Welle der selektiven Verweigerung kam es während der ersten palästinensischen Intifada 1987, als Hunderte von SoldatInnen sich weigerten, an den miltitärischen Aktionen zur Unterdrückung der palästinensische Bevölkerung teilzunehmen. Auch diesmal waren die meisten der Verweigernden ReservistInnen, nur wenige waren junge Wehrpflichtige, die ihren 3-jährigen Pflichtdienst ableisteten.
Und wieder waren sie ein wichtiger Faktor zur Entwicklung einer Opposition, die letztlich auch dazu beitrug, daß die israelische Regierung an der Konferenz von Madrid teilnahm und zum ersten Mal überhaupt mit einer palästinensischen Delegation an einem Tisch saß.
Auch die derzeitige Intifada hat wieder eine große Anzahl von selektiven Verweigernden hervorgebracht. Mehr als 1000 SoldatInnen, ReservistInnen und junge Wehrpflichtige sind entschieden, ihre Beteiligung an der Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung zu verweigern. Bis zum heutigen Tag wurden etwa 200 Verweigernde inhaftiert. Neue Gruppen von Verweigern den sind entstanden, einschließlich auch zum ersten Male eine größere Anzahl von jungen Wehrpflichtigen. Mit Flugblättern vor Armee-Transport-Zentren, Universitäten und Gymnasien setzt Yesh Gvul seine Kampagne fort. Dabei geht es darum, die SoldatInnen und ReservistInnen aufzuklären und anzuregen, sich der Mitwirkung an Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen zu verweigern.
Yesh Gvul ist davon überzeugt, daß die selektive Verweigerung eine höchst wertvolle Aktionsform gegen den Militarismus ist, weil paradoxerweise, der Wider stand aus der Mitte des Militärs erwächst, von SoldatInnen und OffizierInnen, die ihre Bereitschaft unterstreichen, legitimen Verpflichtungen zur Verteidigung nachzukommen und daher nicht so einfach als Drückeberger und Feiglinge abgetan werden können. Die Förderung dieser Form des Widerstandes erfordert einen langen Atem und kontinuierliche aufklärerische Bemühungen, da sie die SoldatInnen lehrt, die rechtliche, moralische und politische Verantwortung für ihre Aktionen zu übernehmen, selbst wenn sie auf Befehl hin ausgeführt werden. Es ist unser Ziel, die SoldatInnen anzuregen, die Befehle ihrer Vorgesetzten zu überprüfen und die Ausführung zu verweigern wenn sie sie als "grob rechtswidrig" ansehen selbst unter dem Risiko einer Bestrafung.
Diese Strategie beruht auf der Ansicht, daß wir eine grundlegende zivile Verantwortung für eine Armee haben, die in unserem Namen handelt. Wir respektieren die Überzeugung derer, die jede Form des Militärdienstes ablehnen, aber wir sind nicht der Meinung, daß sie von jener Verantwortung frei sind. Die oder der einzelne mag ihr oder sein Gewissen beruhigen in dem Sinne "die eigenen Hände in Unschuld zu waschen", aber die Abscheulichkeiten werden weitergehen, solange sie nicht auch aktiv werden, die unwürdigen Aktivitäten der Armee zu stoppen, sei es in Kriegen gegen andere Staaten oder die Unterdrückung von Menschen im eigenen Land.
Die selektive Verweigerung ist eine Aktionsform in diesem Sinne, indem sie einen wertvollen und höchst effektiven Druck aus der Mitte der Armee ausübt.
In innovativer Art wendet die selektive Verweigerung die Prinzipien des gewaltfreien zivilen Ungehorsams, wie sie von Gandhi und Martin Luther King jr. entwickelt wurden, auf die am wenigsten "zivile" Einrichtung an: die Armee. Die Trennung zwischen legitimen und Illegitimen militärischen Pflichten ist ein wertvolles Instrument der Anti-Kriegsbewegung, da sie dazu dient die Öffentlichkeit aufzuklären, die einer "patriotischer" Gehirnwäsche durch das militärische und politische Establishment ausgesetzt ist. Wir sind der Überzeugung, daß das israelische Model der selektiven Verweigerung und ihrer bewußtseinsbildenden und politischen Kampagnen auf alle Armeen angewendet werden kann und sollte.
sichen Inititativkomitees, sagte, daß etwa 40 % aller drusischen Männer den Dienst verweigerten er selbst hat seinen Militärdienst abgeleistet, aber verweigerte dann später seinen Reservistendienst. Einer seiner Söhne Rabia Jihad Sa'ad, ist gegenwärtig im Gefängnis und wartet auf seinen Prozeß vor dem Kriegsgericht.
Einige drusische KDVer verbringen 2½ bis 3 Jahre im Gefängnis - bis jetzt undenkbar für jüdisch-israelische KDVer. Ein Faktor ist, daß viele drusische KDVer die Regeln verletzten: während jüdisch-israelische KDVer sich am Tag, wenn sie sich bei der Armee einschreiben sollen, bei der vorgeschriebenen Einheit melden, gehen drusische KDVer oft nicht hin oder viel später. Das führt oft zu Kriegsgerichtsprozessen wegen Desertion und zu viel höheren Urteilen. Fragen des Bildungsgrades und Rassismus verbinden sich, und das Ergebnis ist eine viel längere Gefängnisstrafte für drusische KDVer.
Salman Natour, ein drusischer Schriftsteller, betont, daß der Kampf der drusischen KDVer nicht getrennt vom Kampf um die Beendigung des militärischen Zwangsdienstes im allgemeinen gesehen werden kann. Er sieht zwei Hauptaspekte bei dieser Weigerung: Politisch: die Drusen gehören zur arabischen Nation und sollten Teil des Kampfes zur Veränderung der israelischen Politik sein Teil des Kampfes um gleiche Rechte in Israel.
Moralisch: Der israelische Staat kann Drusen nicht rekrutieren, weil sie Teil des palästinensichen Volkes in Israel sind und nicht Teil einer Armee sein können, die gegen sie selbst kämpft. Aber KDV ist auch eine allgemeine Stellungnahme gegen Gewalt und Krieg.
Das drusische Intitiativkomitee arbeitet mit den Organisationen der israelischen KDVer zusammen. Da die Drusen mit Israel und unter Juden leben, ist die Unterstützung von jüdischen Grup pen sehr wichtig für sie.
(Dieser Artikel basiert auf Diskussionen während eines Treffens in Haifa im Januar 2003).
Huwaida Araf
Die internationale Solidaritätsbewegung (Inter national Solidarity Movement, ISM) wurde gegründet, um den palästinensischen gewaltfreien Widerstand gegen die israelische Besetzung in den besetzten palästinensischen Gebieten zu unterstützen und zu stärken. Das palästinensische Volk, das seit 1948 enteignet worden ist mehr als 750.000 Menschen wurden für die Errichtung des israelischen Staates von ihrem Land vertrieben, und etwa 3 Millionen leben seit 1967 unter israelischer militärischer Besatzung auf dem Westufer des Jordan und in Gasa hat beim Versuch, ihr Heimatland wiederzugewinnen, über die Jahre verschiedene Kampfmaßnahmen ergriffen. Die überwältigende Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft hat bisher auf dem bewaffneten Kampf der Palästinenser gelegen; sehr wenig oder keinerlei Anerkennung erfuhr dagegen der machtvollere und herausragende gewaltfreie Kampf des palästinensischen Volkes, dessen Höhepunkt sich in der "Intifada", dem palästinensischen Aufstand (1987 1993) aus drückte. Über die Jahre hin haben die verschiedenen Mittel des palästinensichen Kampfes den Boykott israelischer Güter und Dienstleistungen eingeschlossen, die Zurückweisung der israelischen Militärverwaltung, Nachbarschaftsschulen (als die israelische Armee die staatlichen palästinensischen Schulen und Universitäten schloß), Massenmärsche, Streiks, die Blockade von Taxis und Weiteres.
Vom Anfang des gegenwärtigen palästinen sichen Aufstandes im September 2000 an mussten Protestierende in den Straßen von Ramallah, Nablus, Gasa, Jerusalem und anderswo mit brutaler militärischer Gewalt rechnen, was zu über 100 palästinensischen Toten innerhalb eines Monats führte. Die israelischen Soldaten ergriffen Maßnahmen mit dem Ziel, ein Volk einzuschüchtern und zu bestrafen, weil es wagte, sich gegen seine Unterdrückung auszusprechen. In den ersten wenigen Wochen der Intifada schlossen die Proteste alle Aspekte der palästinensischen Gesellschaft ein zivile Männer, Frauen und Kinder. Bewaffnete Hubschrauber, Panzer, Militärfahrzeuge und Soldaten mit Maschinengewehren wurden eingesetzt, um die Protestierer niederzuhalten. Die Botschaft war klar Zivilisten würden nicht geschützt werden; palästinensische Männer, Frauen und Kinder würden erschossen werden, wenn sie gegen die Besatzung protestier-ten. Zusätzlich wurden die Kontrollpunkte vermehrt, Straßensperren errichtet, palästinensische Straßen aufgerissen und es für Palästinenser "illegal" und gefährlich gemacht, sich frei zu bewegen: das alles ließ die Zersplitterung der palästinensischen Zivilisten anwachsen und behinderte ihre Fähigkeit zum Organisieren. Das alles, verbunden mit einer wachsenden Desillusionierung und Ermüdung, machte es klar, daß das palästinensische Volk neue Hilfsmittel brauchte, um die zivil gegründeten gewaltfreien Widerstandsanstrengungen zu verstärken. Die Ressourcen, die die israelische Regierung zur Verfügung hat, sind gut bekannt: mehr als 2 Mrd. $ direkter Militärhilfe von den USA, weitere 1 Mrd. direkter nicht militärischer Hilfe von den USA, Hunderte Millionen Dollars aus privaten Geldquellen, und die fraglose diplomatische Unterstützung der einzigen Supermacht der Welt, die ausgeübt wird durch das Veto im UN-Sicherheitsrat gegen jede Resolution, die Israel zwingen würde, beim internationalen Recht zu bleiben. Die Palästinenser haben solche Hilfsmittel nicht zu ihrer Verfügung, abgesehen von Gefühlen unorganisierter Solidarität von Millionen Menschen überall auf der Welt. Dieses Gefühl von Solidarität, diese Zivilisten könnten wahrgenommen werden als Hilfsmittel, das das palästinensische Volk in die Lage versetzen könnte, seinen Unterdrückern entgegenzutreten und könnte außerdem der internationalen Gemeinschaft ermöglichen, einem brutalen System (der israelischen Besatzung) entgegenzutreten, das beendet werden muß.
Die Palästinenser haben als besetztes Volk ein Recht, eingeschrieben in internationales Recht, ihren Besatzern mit bewaffnetem Kampf Widerstand zu leisten*). Die ISM erkennt dieses Recht an, glaubt aber gleichzeitig, daß gewaltfreier Widerstand ein wirksameres und mächtigeres Mittel des Widerstandes sein kann, widmet sich also den gewaltfreien Methoden und Prinzipien direkter Aktion, um die israelischen Besatzungstruppen und die israelische Besatzungspolitik herauszufordern. Die Strategie der ISM gründet sich darauf, vier Schlüsselbedürfnisse anzusprechen:
1) Schutz. Palästinensische Zivilisten, die allein handeln oder protestieren, sind oft mit tödlichen Formen der Gewalt konfrontiert. Die palästinensischen Menschen sind so entmenschlicht worden, daß man ihnen selbst an ihrer Exekution die Schuld zuschreibt. Die Erschießung palästinensischer Kinder ist mit der Entschuldigung gerechtfertigt worden, daß sie "Steine auf die Soldaten werfen", als wenn das irgendwie entschuldigen würde, daß man Kugeln in ihre Köpfe schießt, und zahlreiche palästinensische Frauen sind an Kontrollstellen umgekommen (von Soldaten am Durchgang, der zwecks ärztlicher Betreuung erforderlich war, verhindert), beim Durchschreiten ihrer eigenen Straßen erschossen und in ihren eigenen Häusern erschlagen worden (wenn Soldaten ihre Häuser über ihnen zerstören). Niemand betrachtet Israel als verantwortlich für den Tod von Palästinensern; die internationale Gemeinschaft hat versagt, ihre Verpflichtungen gegenüber dem palästinensischen Volk zu erfüllen, den Status der Palästinenser als "geschützte Personen" unter der vierten Genfer Konvention zu respektieren. Die Anwesenheit internationaler Zivilisten hat jedoch einen Grad von Schutz für diejenigen Palästinenser geschaffen, die der Brutalität der Besetzung jeden Tag ausgesetzt sind.
Wenn internationale Zivilisten anwesent sind, werden weniger tödliche Formen der Gewalt angewendet.
2) Den Kampf genau portraitieren/ den Palästi nensern eine Stimme geben. Die Kräfte, die argumentieren und/ oder in anderer Weise daran arbeiten, den israelischen Griff auf das palästinensische Gebiet aufrechtzuerhalten, die Besetzung zu verlängern und in Wirklichkeit sogar die israelische Kolonisierungspolitik zu erweitern, nutzen einen umfassenden Medienzugriff und Ressourcen zur Manipulation von Tatsachen, um die weit gefaßte Leugnung grundlegender Rechte für das palästinensische Volk zu legitimieren. Es ist wichtig zu zeigen, daß der palästinensische Kampf sich nicht gegen Israel oder das jüdische Volk richtet, sondern mehr ein Kampf gegen Besatzung, Unterdrückung und eine Verweigerung von Freiheit ist. Internationale Zivilisten, die mit Palästinensern auf die Straßen gehen, helfen zu demonstrieren, daß der palästinensische Kampf für universale Werte von Gleichheit, Menschenrechten, Würde und Freiheit steht.
3) Berichte aus erster Hand. Indem wir Men schen aus der ganzen Welt einladen, in die besetzten palästinensischen Gebiete zu kommen, vermehren wir das Zeugnis und die Dokumentation dessen, was wirklich geschieht. Rachel Corrie, eine Freiwillige des ISM, die getötet wurde, am 16. März 2003 zerquetscht von einem israelischen Bulldozer, schrieb: "Nichts, was man lesen kann, Konferenzen, die man besuchen kann, Ansehen von Dokumenten oder mündliche Be richte hätten mich auf die Realität der Lage hier vorbereiten können." Aber wir wollen sicherstellen, daß mündliche Berichte die Menschen erreichen, und wenn die herrschenden Massenmedien den Kampf gegen die Unterdrückung nicht genau beschreiben, werden die ISM-Aktivisten das tun, einer nach dem anderen. Und es wird ein Tag kommen, der von solchen Anstrengungen herbeigebracht wird, daß die Welt zurückschauen und sagen wird: "Wenn wir nur gewußt hätten..." Wir arbeiten daran, daß dieser Tag früher oder später kommt.
4) Die Palästinenser fühlen sich von der inter nationalen Gemeinschaft verlassen. Jahre des Forderns nach Respekt für UN-Resolutionen und das internationale Recht sind ignoriert worden.
Das, verbunden mit der vollständigen Kontrolle aller Reisen in die oder aus palästinensischen Gebieten, hat einen überwältigenden Sinn für Isolation und Verzweiflung geschaffen, der die Palästinenser ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft beraubt hat. Internationale Zivilisten, die kamen, um dem palästinensischen Volk zur Seite zu stehen, haben diese Isolation gebrochen und einen Hoffnungsschlag verursacht, daß die Menschen zuhören. Die Kamikaze-Strategie, die auf israelische Zivilisten zielte und von der internationalen Gemeinschaft zu Recht verurteilt wurde, ist ein direktes Ergebnis der Brutalität der Besatzung und der Verzweiflung, die sie fördert. Wenn international anerkannte Behörden und Regierungen, die die vierte Genfer Konvention unterschrieben haben, weiterhin vor direkter Aktion zurückscheuen, mit der sie das legitime Recht des palästinensischen Volkes auf Freiheit unterstützen müßten, und nur Lippenbekenntnise für die Menschenrechte der Palästinenser abgeben, schickt die internationale Gemeinschaft eine direkte Botschaft der Hoffnungslosigkeit an Menschen, die lange genug unter der Besatzung gelitten haben.
Ein klarer Sinn für Gerechtigkeit, Gemein schaftsrganisation und die Fähigkeit, angesichts andauernder Unterdrückung standfest zu bleiben, sind Stärken des palästinensischen Volkes. Das ISM fühlt sich in der Pflicht, diese Widerstandsanstrengungen zu unterstützen durch die Anwendung unserer Stimmen und gewaltfreie direkte Aktion, um die israelische Besatzung zu konfrontieren und herauszufordern und für die lange verwehrte Freiheit zu kämpfen.
*) Resolution 37/43 der UN-Generalversammlung bestärkt das Recht von unter Besatzung lebenden Völkern, fremder Besatzung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Widerstand entgegenzusetzen, einschliesslich des bewaffneten Kampfes
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Das Zerbrochene Gewehr ist der Rundbrief der War Resisters' International, und wird normalerweise in Englisch, Spanisch, Franzsisch und Deutsch veröffentlicht. Dies ist Ausgabe Nr. 58, Mai 2003. Diese Ausgabe des Zerbro chenen Gewehrs wurde produziert von Andreas Speck, Sergeiy Sandler, Shani Werner, Huwaida Araf, and Peretz Kidron, unter Mithilfe von Alberto Estefania, Rene Burget, Inge Dreger, Milan, Gerd Buentzly, und vielen anderen, die Informationen beigesteuert haben.
Diese Ausgabe wurde durch die finanzielle Unterstützung von American Friends Ser vice Committee, Objecion Fiscal, und The Joseph Rowntree Charitable Trust ermöglicht.
Für weitere Exemplare dieses Zerbrochenen Gewehrs wende Dich bitte an das Büro der WRI, oder downloade sie von unserer Website.
War Resisters' International, 5 Caledonian Road, London N1 9DX, Grossbritannien tel +44-20-7278 4040 fax +44-20-7278 0444 concodoc@wri-irg.org http://wri-irg.org/
Das Zerbrochene Gewehr wird normalerweise in Englisch, Spanisch, Franzsisch und Deutsch veröffentlicht.
Diese Ausgabe wird zusätzlich in Hebräisch und (hoffentlich) Arabisch und Russisch veröffentlicht.
Papierausgaben in der von Dir bevorzugten Sprache kannst Du beim WRI-Büro in London bestellen. Eine PDFDatei kann von der WRIWebsite heruntergeladen werden. Du kannst gerne selbst Kopien machen.
Die WRI ist von Freiwilligen abhängig, um Das Zerbroch ene Gewehr und andere Materialien zu übersetzen.
8 Das Zerbrochene Gewehr Nr. 58 Mai 2003
In vielen Ländern ist Gefängnis noch immer das Schicksal für Kriegsdienstverweigerer. Tausende von KDVern befinden sich im Gefängnis in Südkorea, Israel, Finnland und vielen anderen Ländern.
Obwohl viele Länder Gesetze zur KDV eingeführt haben, sehen sich viele KDVer dem Gefängnis gegenüber, da sie entweder nicht den Kriterien der Behörden entsprechen, oder sich weigern, jegliche Art von Ersatzdienst zu leisten.
Die War Resisters' International unterstützt Kriegsdienstverweigerer, die aufgrund ihrer KDV inhaftiert sind oder sich Repressionen von Seiten des Staates oder staatsähnlicher Gebilde ausgesetzt sehen. Co-alerts, verschickt per email (in Englisch) sobald das WRI-Büro Informationen über die Inhaftierung oder Gerichtsverhandlung eines Kriegsdienstverweigerers erhält, sind ein machtvolles Mittel, um Unterstützung und Protest zu organisieren.
Co-alerts gibt es per email (http://lists.wri-irg.org/sympa) oder im internet unter http://wri-irg.org/cgi/news.cgi.
Das WRI-Büro braucht auch mehr Informationen über die Inhaftierung von KDVern in aller Welt.
Wende Dich an:
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Es gibt sehr viel Material zur Kriegsdien stverweigerung in Israel. Hier ist eine kleine Auswahl von Materialien, die überwiegend im internet erhältlich sind.
Die WRI veröffentlicht regelmässig Material zu Israel. Die wichtigsten Veröffentlichungen sind:
War Resisters' International: Kriegsdien stverweigerung in Israel ein nicht anerkanntes Menschenrecht . Bericht für das Menschenrechtskomitee betreffend Artikel 18 des Internationalen Paktes über zivile und politische Rechte, 3. Februar 2003
Das Zerbrochene Gewehr Nr. 53: Tag der Gefangenen für den Frieden 2001: Schwerpunkt zu Israel und den Autonomen Palästinensischen Gebieten, November 2001 Erhältlich auf der WRI website: http://wri-irg.org
Das Refuser Solidarity Network ist ein inter net-basiertes Netzwerk zur Mobilisierung internationaler Unterstützung für israelische Verweigerer. Es gibt eine 'News'-Sektion, sowie zahlreiche Materialien. Das RSN ist überwiegend auf die USA orientiert, hat aber auch Kontakte in anderen Teilen der Welt.
http://www.refusersolidarity.net/
Amnesty International adoptiert einige isra elische Kriegsdienstverweigerer als "Gewissensgefangene" (prisoners of conscience), und verschickt Aufrufe zur Unterstützung. Amnesty International's Website enthält Berichte zu Menschenrechtsverletzungen in Israel und den besetzten Gebieten.
http://www.amnesty.de
Ein in London ansässiges Netzwerk von Juden und Jüdinnen, die gegen die Besatzung arbeiten. Die Website beinhaltet Informationen zu israelischen Kriegsdienstverweigerern.
http://www.jfjfp.org
Die Website von Gush Shalom enthält zahl reiche Materialien zum israelisch-palästinensischen Konflikt, einschliesslich einiger Artikel zur KDV. Einige Materialien sind in verschiedenen Sprachen erhältlich.
http://www.gush-shalom.org
Connection e.V. unterstützt israelische Kriegsdienstverweigerer. Publikationen sind ueber die Website erhältlich.
http://www.connection-ev.de