Israel: Schulen als Rekrutierungsanstalten

Von Sergeiy Sandler, mit Unterstützung von Shir Givoni und Bar Rose, New Profile.

Am 1. Dezember 2009 trafen sich Hunderte Schulleiter israelischer Oberschulen zu einer besonderen Konferenz zum Thema „Vorbereitung eines bedeutsamen Dienstes in den israelischen Verteidigungskräften“ mit dem Personalchef des israelischen Militärs als Hauptredner. Anwesend war auch der israelische Minister für Bildung und viele höhere Beamte aus den Ministerien für Bildung und Verteidigung sowie höhere Offiziere.[1]

Dieses Ereignis ist nur ein Beispiel eines andauernden Trends wachsender militärischer Präsenz in israelischen Oberschulen während der letzten Jahre. Seit 1999 wurden Soldaten in Uniform, deren Aufgabe es ist, Schüler zur Rekrutierung zu veranlassen und sie mit (oft irreführenden) Informationen über die Armee zu versorgen, in fast jeder Oberschule in Israel eingesetzt als Teil eines verbindlichen Lehrplans der Vorbereitung auf den Militärdienst. Eine wachsende Zahl von Bildungsprogrammen und -initiativen umfasst den Einsatz höherer und mittlerer Offiziere in Oberschulen, um Schüler und Lehrer anzusprechen.[2]

Nun scheint es in vielen Ländern einen ähnlichen Trend zu geben. Militärische Werber haben in Europa und Nordamerika in den letzten Jahren mehr Zugang zu Schulen als früher, und Militärmessen und öffentliche Ereignisse haben seit kurzem angefangen, Kinder als Publikum anzusprechen. Das ist oft das Ergebnis der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht: Die Armeen müssen Rekruten suchen und nutzen ihre Ressourcen und politischen Einfluss, um größeren Zugang zu ihnen zu gewinnen.

Doch bei näherer Untersuchung ist der Fall Israels anders. Israel hat die allgemeine Wehrpflicht. Die Armee hat trotz ihrer Klagen an das Land mehr Verpflichtete, als sie einsetzen kann. Das Wachstum der Verpflichtungszahlen, die mehr als zwei Jahrzehnte lang gefallen sind, und der „Kampf gegen die Drückebergerei“ werden allerdings als die Hauptziele des neuesten Schwalls von Armeepräsenz in den Schulen genannt, aber diese Ziel wird in Israel nicht ausschließlich als militärisches Ziel gesehen. Im Gegenteil hat der gegenwärtige Bildungsminister Israels, Gideon Sa’ar, das Anwachsen der Verpflichtungszahlen als ein zentrales Ziel des Bildungssystems genannt und hat ein System finanzieller Anreize angekündigt, um Schulen und Lehrer für wachsende Verpflichtungszahlen ihrer früheren Schüler, speziell in Kampfeinheiten, zu belohnen.[3] Die Verpflichtung wird als soziales Ziel betrachtet und in der Tat als Mittel, junge Menschen von unterprivilegierten Gemeinschaften zu fördern, sie „in die Gesellschaft Israels zu integrieren“ (in Wirklichkeit ist der Militärdienst ein zentraler Faktor für soziale Ungleichheit, speziell der Geschlechter-, Klassen- und ethnischen Ungleichheit in Israel, aber das ist eine Sache für eine eigene Diskussion).

Das israelische Bildungssystem arbeitet freiwillig und begierig auf allen Ebenen und in vielen Weisen mit der Armee zusammen. Das schließt örtliche Initiativen ein, die Grundschulkinder verschicken, um militärisches Training nachzuäffen oder zu Studienreisen, die vergangene Schlachtfelder zum Schwerpunkt haben, und die allgegenwärtige Praxis in Schulen und speziell in Kindergärten, Geschenkpakete zu packen und sie an Soldaten zu senden (sie werden oft in besonderen Zeremonien ausgehändigt, bei denen die Soldaten anwesend sind, und auch die übliche Waffenausstattung).[4]
New Profile hat auch Berichte von Schulbeiräten erhalten, die jede vertrauliche Informationen, die sie über die Schüler bekommen, an die Armee weitergeben. Lehrer versuchen ihre Schüler von der Wichtigkeit der Lehrinhalte zu überzeugen, die sie lehren, indem sie sie so darstellen, als verbesserten sie die Chancen des Schülers, in speziellen Militäreinheiten zu dienen (Sport würde einen in eine Kampfeinheit bringen, Arabisch zur Geheimdiensteinheit). In der Tat werden diese Verbindungen oft vom Bildungsministerium formell gutgeheißen, da verschiedene Lehrinhalte offiziell Teil der Vorbereitung auf den Lehrplan des Militärdienstes sind.[5]

Viele der Schüler akzeptieren diese Perspektive auch. Private Kurse für körperliche und geistige Vorbereitung auf den Kampfdienst sind eine blühende Industrie. In eine Eliteeinheit aufgenommen zu werden, wird von einem israelischen Teenager als Statussymbol angesehen (besonders unter den männlichen). Diese jungen Leute akzeptieren die Botschaft, die vom Bildungssystem und von der Gesellschaft als ganzer ausgeht, Soldat zu sein sei ein natürlicher Abschnitt im Leben eines Menschen, Militärdienst sei der exklusive, privilegierte Weg sozialer Teilhabe, die einzige soziale Pflicht, die ein Mensch hat und die einzige Handlung im Leben, die wirklich zählt. Kriegsmäßige Reaktionen auf die vielen Konflikte, in denen Israel sich verstrickt, entstehen in natürlicher Weise aus all dem. Junge Israelis werden aufgezogen im Glauben, dass die Militärmacht die selbstverständliche Lösung für jedes Problem ist, und dass man an Palästinenser und Araber im Allgemeinen überhaupt nur als Ziele militärischer Aktion denken soll.

Also ist das Thema der Militärpräsenz in israelischen Schulen nicht so sehr die militärische Rekrutierung. Es geht um die Aufrechterhaltung einer sozialen Ordnung. Es ist also nicht überraschend, dass das bisschen Arbeit gegen die Rekrutierung, das wir in New Profile und anderen Gruppen machen, oft als Hochverrat angesehen wird. New Profile hat so die Ehre, die einzige Organisation in Israel zu sein, deren Aktivisten offiziell verboten ist, Schulen zu betreten und sich an Schüler zu wenden. Trotzdem stellen wir auch ein wachsendes Unbehagen, zumindest in einigen Kreisen, gegen einige der extremeren Formen von Militärpräsenz in Schulen fest, die als übertrieben gesehen werden. Die Opposition gegen die Militarisierung der Bildung in Israel entwickelt sich auch unter Jugendlichen und Erziehern, trotz der vielen formellen und informellen Strafen, die ihnen drohen, wenn sie sich dagegen aussprechen. Vielleicht können diese eine Öffnung für wirksame Gegenrekrutierungsarbeit in Israel in der Zukunft schaffen.

Anmerkungen

[1] Dikla Schneider, “Chief of Staff: Mandatory Conscription for Everyone – To Military or National Service”, The IDF Spokeseperson’s Office Website, 2 Dec. 2009, http://dover.idf.il/IDF/News_Channels/today/09/12/0201.htm [in Hebrew].
[2] Zu dieser und anderen Formen der Militärpräsenz in Schulen siehe The New Profile Report on Child Recruitment in Israel, http://www.newprofile.org/data/uploads/child_soldiers/english.pdf und Antworten der NRO auf die Liste der Gegenstände in Verbindung mit der Betrachtung des Anfangsberichtes Israels für die 53. Sitzung des Komitees für die Rechte des Kindes, http://www.newprofile.org/data/uploads/child_soldiers/Reply_to_List_of_I..., S. 29—34.
[3] Efrat Zemer, "Combat for Graduates, Money for Schools”, NRG, 18 Aug. 2009, http://www.nrg.co.il/online/1/ART1/930/993.html [in Hebräisch].
[4] New Profile Report on Child Recruitment in Israel, S. 16—20.
[5] New Profile Report on Child Recruitment in Israel, S. 23—27.